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Lange Spurensuche endet in der Wöste

Timothy Taylor besuch­te nach jah­re­lan­ger Spurensuche den Ort, an dem sei­ne Mutter Ursula Kuppenheim vor NS-Verfolgung ver­steckt wur­de. In der Wöste kam es zu einem außer­ge­wöhn­li­chen Treffen.


In der Wöste, wo am 30. Juni eine beson­de­re Begegnung statt­fand, erin­nert heu­te äußer­lich kaum noch etwas an den Kotten, der hier einst stand. Auf dem Gelände der frü­he­ren Hofstelle befin­det sich inzwi­schen die Takko-Hauptverwaltung. Für den eigens ange­reis­ten kana­di­schen Autor, Journalisten und Professor Timothy Taylor war die­ser Ort den­noch weit mehr als ein ver­än­der­ter Schauplatz. Hier hat­te sei­ne Mutter Ursula Kuppenheim im letz­ten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs Schutz vor der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verfolgung gefun­den. Obwohl Ursula Kuppenheim und ihre Familie evan­ge­lisch getauft waren, spiel­te dies für die ras­sis­ti­sche Ideologie des NS-Staates kei­ne Rolle: Wegen ihrer jüdi­schen Vorfahren galt sie nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als soge­nann­ter „Mischling ers­ten Grades“ und war damit gefährdet.

Rund 10.000 Seiten Familiennachlass

Dass Taylor die­sen Ort über­haupt fand, ver­dankt er einer jah­re­lan­gen Recherche, deren Anfang in einem außer­ge­wöhn­li­chen Familiennachlass lag. Rund 10.000 Seiten mit Briefen, Tagebüchern, Dokumenten und Fotografien waren über Jahrzehnte von sei­nem Großvater Felix Kuppenheim gesam­melt und bewahrt wor­den. Felix Kuppenheim wur­de selbst ins Exil ver­trie­ben. Nach dem Tod sei­ner Mutter gelang­ten sie schließ­lich zu Timothy Taylor. Als sie im Sterben lag, soll sie auf die Kisten gezeigt und Timothys Schwester gebe­ten haben, die Kisten zu Taylor zu brin­gen, ver­bun­den mit der Hoffnung, er wer­de wis­sen, was damit zu tun sei.

Taylor wuss­te es zunächst nicht. Doch je tie­fer er in die Unterlagen ein­tauch­te, des­to deut­li­cher wur­de, dass dar­in nicht nur eine pri­va­te Familiengeschichte bewahrt war, son­dern ein Zeugnis von Verfolgung, Exil, Überleben und Erinnerung. Was Felix Kuppenheim über Jahrzehnte auf­ge­ho­ben hat­te, wur­de für Taylor nach und nach zu einem Auftrag – ja zu einem Teil sei­nes Lebenswerkes.

Spur führt nach Telgte

Aus die­sem Vermächtnis erwuchs eine sechs- bis sie­ben­jäh­ri­ge Nachforschung, in der Taylor den Spuren sei­ner Vorfahren folg­te und ihre Geschichte Stück für Stück frei­leg­te. Inmitten der Dokumente fand sich auch ein Foto, das für die Spur nach Telgte beson­de­re Bedeutung bekam: Es zeig­te sei­ne Mutter Ursula Kuppenheim als 14-jäh­ri­ges Mädchen auf einem Kotten im Münsterland, an ihrer Seite ein klei­nes Kind.

Ein wich­ti­ger Hinweis war die Beschriftung des Fotos, durch die sich die Aufnahme auf das Jahr 1944 datie­ren ließ. Es stammt also aus jener Zeit, in der Taylor aus den Erzählungen sei­ner Mutter wuss­te, dass sie auf Bauernhöfen ver­steckt gewe­sen war. Wo die Aufnahme ent­stan­den war und wer das Kind neben Ursula war, blieb lan­ge unge­klärt. Die Suche nach die­sem Ort und nach dem Mädchen auf dem Foto führ­te Taylor durch Briefe und Tagebücher, über ver­schie­de­ne Kontinente und schließ­lich von Kanada nach Telgte, ein­mal um den hal­ben Globus.

Die Suche nach dem Ort der Aufnahme

Dass aus dem Foto schließ­lich eine kon­kre­te Spur nach Telgte wur­de, ver­dankt Taylor auch der Unterstützung von Dr. Barbara Elkeles vom Telgter Verein „Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte“. Mit Hilfe von Gisbert Strootdrees, Redakteur des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“ und Historiker, der viel­fach zum jüdi­schen Leben im länd­li­chen Westfalen publi­ziert hat, konn­te das Foto in der Weihnachtsausgabe 2024 des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“ ver­öf­fent­licht wer­den. Gesucht wur­den der Ort der Aufnahme und das Kind, das neben Ursula Kuppenheim zu sehen war.

Bereits am Folgetag der Veröffentlichung kam der ent­schei­den­de Anruf. „Ich bin das klei­ne Mädchen auf dem Bild“, sag­te die Frau am Telefon. Es war Elisabeth Fockenbrock, gebo­re­ne Janning-Picker. Sie besaß selbst Abzüge der­sel­ben Fotos. Als die Aufnahmen ent­stan­den, war sie etwa andert­halb Jahre alt. Ursula Kuppenheim sei damals für sie so etwas wie ein Kindermädchen gewe­sen. Damit erhielt das Foto nicht nur einen Namen, son­dern auch einen Ort: Die Aufnahme war an einem Kotten der Familie Janning-Picker ent­stan­den, des­sen frü­he­re Hofstelle an der Wöste nun zum Ort der Begegnung wurde.

Dort kamen zunächst jene Menschen zusam­men, die die Suche nach dem frü­he­ren Kotten und dem Mädchen auf dem Foto beglei­tet hat­ten oder auf unter­schied­li­che Weise mit die­sem Ort ver­bun­den sind. Anwesend waren Maria Janning-Picker und Cäcilia Janning-Picker, Schwestern von Elisabeth Fockenbrock. Elisabeth selbst traf Taylor spä­ter am Tag in Versmold. Auch Sarah Janning-Picker, eine Nichte Elisabeths, war eigens aus Hamburg angereist.

Erinnerungen und Fotoalben

Ebenfalls nah­men Taylors Ehefrau, der kana­di­sche Historiker und Dokumentarproduzent Dr. Anthony Cantor, Dr. Barbara Elkeles sowie Prof. em. Peter Kröner an der Begegnung teil. Kröner, der als letz­ter noch auf der ursprüng­li­chen Hofstelle gelebt hat­te, bevor die­se abge­ris­sen wur­de, emp­fing die Gäste an der Wöste und öff­ne­te mit sei­nen Erinnerungen und Fotoalben einen wei­te­ren Zugang zur Geschichte des Ortes.

Die Begegnung war zugleich Teil einer grö­ße­ren doku­men­ta­ri­schen Arbeit. Anthony Cantor beglei­tet Taylor für den Podcast „The Hidden Holocaust Papers“, der auf den Unterlagen aus dem Nachlass von Ursula Kuppenheim basiert. Die vor Ort geführ­ten Gespräche sol­len in eine wei­te­re, sieb­te Folge ein­flie­ßen, die sich auch mit der Spur nach Telgte und mit der Begegnung zwi­schen den Familien beschäf­tigt. Für Taylor fühl­te sich die­ser Tag an, als errei­che er „das Ende einer lan­gen Straße“.


Denn hin­ter dem Foto steht eine Geschichte, die tief in die Verfolgung jüdi­scher Familien wäh­rend der NS-Zeit hin­ein­führt. Ursula Kuppenheim war evan­ge­lisch getauft, doch ihre jüdi­schen Vorfahren mach­ten sie im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Denken zur Ausgegrenzten. Für Ursula bedeu­te­te dies, dass sie sich im eige­nen Land ver­ste­cken musste.

Dass Theresia und Bernhard Janning-Picker, die Eltern von Elisabeth Fockenbrock, das Mädchen damals auf ihrem Kotten auf­nah­men, war des­halb weit mehr als eine Geste der Hilfsbereitschaft. Nach Erinnerungen aus der Familie hat­te eine Tante das Versteck ver­mit­telt. Wer einem Menschen Schutz gewähr­te, der nach der Ideologie des NS-Staates ver­folgt wur­de, han­del­te gegen ein System, das Ausgrenzung, Denunziation und Gehorsam ver­lang­te. Solche Hilfe konn­te auch die Helfenden selbst in Gefahr bringen.

Kotten war ein Ort der Zuflucht

Dass der Kotten der Familie Janning-Picker ein Ort des Schutzes war, zeigt sich auch an einer wei­te­ren Geschichte. Nach Angaben der Familie konn­te sich dort zeit­wei­se auch Paul Litten ver­ste­cken, ein frü­he­rer Landgerichtsdirektor in Münster. Er war 1933 wegen sei­ner jüdi­schen Abstammung degra­diert, spä­ter zwangs­wei­se pen­sio­niert und im letz­ten Kriegsjahr zur Arbeit in einem Steinbruch gezwun­gen wor­den. Nachdem ihm die Flucht gelun­gen war, wur­de er zunächst von einem Nachbarn, dem Chefarzt des Krankenhauses in Sendenhorst, ver­steckt. Später half ihm der Telgter Unternehmer August Winkhaus, sich unter fal­schem Namen und ohne Papiere bis Kriegsende auf dem Kotten zu verbergen.

In der Familie wer­den Theresia und Bernhard Janning-Picker bis heu­te als offe­ne, zuge­wand­te und hilfs­be­rei­te Menschen beschrie­ben, die sich selbst nicht in den Vordergrund stell­ten. Ihr katho­li­scher Glaube habe ihr Leben geprägt, eben­so die beson­de­re Wallfahrtsgeschichte Telgtes. Eine Angehörige fass­te die­se Haltung an die­sem Tag in einem schlich­ten Satz zusam­men: „Wo Hilfe gebraucht wur­de, wur­de geholfen.“

Riskante Entscheidung

Gerade in die­ser Schlichtheit liegt die Kraft der Geschichte. Sie zeigt, dass es auch in der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Diktatur Handlungsspielräume gab und dass Menschen Entscheidungen tra­fen, obwohl die­se Entscheidungen ris­kant sein konn­ten. Es gab Anpassung, Schweigen und Wegsehen. Aber es gab auch Menschen, die sich der Logik des Systems nicht unter­war­fen und Verfolgten Schutz boten.

Nach dem Besuch an der Wöste führ­te die Spur am Nachmittag wei­ter nach Versmold. Dort traf Taylor Elisabeth Fockenbrock, die Frau, die sich nach der Veröffentlichung des Fotos im „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“ gemel­det hat­te. Ihr Satz am Telefon hat­te der jah­re­lan­gen Suche plötz­lich eine mensch­li­che Stimme gege­ben. In Versmold wur­de aus der his­to­ri­schen Spur eine per­sön­li­che Begegnung.

Bei der Kartoffelernte hinterhergekrabbelt

Elisabeth Fockenbrock erin­ner­te sich tat­säch­lich noch an Ursula Kuppenheim. „Das ist mei­ne Ulla“, sag­te sie leb­haft über ihr frü­he­res Kindermädchen, dem sie als klei­nes Kind bei der Kartoffelernte immer hin­ter­her­ge­krab­belt sei.

Wieder wur­den Fotos betrach­tet, Erinnerungen geteilt und Fragen gestellt. Für Taylor war die­ses Treffen ein beson­de­rer Moment, weil er nicht nur einem Namen aus der Recherche begeg­ne­te, son­dern einem Menschen, der als Kind an der Seite sei­ner Mutter auf jenem Foto fest­ge­hal­ten wor­den war.

Die Geschichte soll nun wei­ter­ge­tra­gen wer­den. Die Dokumente aus dem Nachlass von Ursula Kuppenheim hat Taylor dem Vancouver Holocaust Education Centre über­ge­ben. Dort sol­len sie dau­er­haft bewahrt, wis­sen­schaft­lich erschlos­sen und für Bildungsarbeit zugäng­lich gemacht wer­den. Auch eine Ausstellung ist per­spek­ti­visch denk­bar. Neben dem Podcast arbei­tet Taylor an einem Buch über die Geschichte sei­ner Familie. Der Arbeitstitel lau­tet „Exile Diaries“.

Weg führte ins Exil

Im Mittelpunkt steht dabei immer wie­der die Erfahrung des Exils: zunächst das Exil im eige­nen Land, in dem Ursula Kuppenheim als evan­ge­lisch getauf­tes Mädchen mit jüdi­schen Vorfahren im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutschland aus­ge­grenzt, bedroht und zum Verstecken gezwun­gen wur­de. Ihr Vater Felix Kuppenheim floh bereits 1940 nach Ecuador, wo er 1941 ankam, wäh­rend Ursula zunächst wei­ter­hin ohne ihn in Deutschland leben muss­te. Später führ­te auch ihr eige­ner Weg ins Exil, unter ande­rem nach Ecuador und Kanada.

Als Taylor an die­sem Tag auf Menschen traf, deren Familie sei­ner Mutter Schutz gewährt hat­te, schloss sich ein Kreis, ohne dass die Geschichte damit abge­schlos­sen wäre. Aus ein­zel­nen Dokumenten war eine Erzählung gewor­den, aus einem rät­sel­haf­ten Bild eine Verbindung zwi­schen Familien und Generationen. Am 30. Juni kam es für Timothy Taylors nach jah­re­lan­ger Suche in der Wöste in Telgte zu einem der bewe­gends­ten Höhepunkte. Oder, wie es an die­sem Tag for­mu­liert wur­de: „Erinnerung braucht Zukunft – und Zukunft braucht Erinnerung.“

Westfälische Nachrichten, Ausgabe Telgte, 11.7.2026 – Moritz Erd

Spurensuche einer jüdischen Familie aus den USA

Leah Stone besuch­te vor weni­gen Tagen gemein­sam mit ihrem Ehemann Eric und mit ihren bei­den Töchtern Hannah und Ella-Leni Telgte, um Spuren ihrer Vorfahren aus der bekann­ten jüdi­schen Familie Auerbach zu erkun­den. Der Weg führ­te sie zu zen­tra­len Orten jüdi­schen Lebens und Leidens in Telgte. Der Tag berühr­te die Familie sicht­lich: Die Geschichte der jüdi­schen Menschen in Telgte ist nicht ver­ges­sen.

Leah Stone ist eine Enkeltochter von Ilse Auerbach, die 1938 gemein­sam mit ihrer Schwester Margot in die USA emi­grie­ren konn­te. Die Eltern von Ilse und Margot, Hermann und Johanna Auerbach, bemüh­ten sich eben­falls um eine Ausreise – ver­geb­lich. Sie teil­ten das Schicksal von Millionen Juden: Die Eltern wur­den depor­tiert und im Warschauer Ghetto ermor­det.

Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins „Erinnerung und Mahnung“, führ­te die Gäste. Dabei waren außer­dem Lioba Niederhoff, Volontärin im Religio, sowie Amelie Böwing und Ben Karthaus aus der elf­ten Klasse des Maria-Sibylla-Merians-Gymnasiums. Der Rundgang begann auf dem jüdi­schen Friedhof am Hagen. Auf dem Friedhof ver­harr­ten die Familienmitglieder lan­ge zwi­schen den Grabsteinen von Leni und Moritz Auerbach. Leni, eine Schwester von Ilse und Margot, war bereits 1932 in Telgte ver­stor­ben. „Es hat mich erschüt­tert und zutiefst berührt, an ihren Gräbern zu ste­hen“, wird Leah Stone spä­ter sagen.

Leah Stone hat ihre Großmutter Ilse Auerbach als herz­li­che, offe­ne und lie­be­vol­le Frau erlebt: „Ihre Wärme prägt die Familie bis heu­te. Wir haben ver­sucht, unse­ren Töchtern Ilses Werte und Ansichten wei­ter­zu­ge­ben.“ Die Namen ihrer Töchter spre­chen für sich: Hannahs Name erin­nert an Ilses Mutter Johanna Auerbach. Den Namen Ella-Leni haben die Eltern in Gedenken an Ilses Schwester Leni gewählt. „Über das Leben in Deutschland hat mei­ne Großmutter fast gar nicht gespro­chen“, erin­nert sich Leah Stone nach­denk­lich. Viele Überlebende woll­ten ihren Kindern den Schmerz und die Last der Vergangenheit erspa­ren. Die Monstrosität der Verbrechen konn­ten vie­le ein Leben lang nicht in Worte fas­sen.

Eine bewe­gen­de Station war die Alte Synagoge an der Emsstraße. Barbara Elkeles schil­der­te die Geschichte der klei­nen Hinterhof-Synagoge, die mit dem Neubau einer grö­ße­ren 1875 fast völ­lig in Vergessenheit gera­ten war und erst 2023 wie­der instand­ge­setzt wer­den konn­te.

Leah Stones Vater, der Sohn von Ilse Auerbach, wur­de per Videoanruf zuge­schal­tet. Über den Bildschirm konn­te auch er den Raum besu­chen, in dem sei­ne Vorfahren einst gelebt und gebe­tet hat­ten – ein Moment, der die Familie über Ozeane und Jahrzehnte hin­weg ver­bin­det.

Im Museum Religio sprach Lioba Niederhoff online mit Leahs Vater über die Erinnerungen an sei­ne Mutter Ilse. Es wur­de ein lan­ges Gespräch über die Familiengeschichte, über das Schweigen frü­he­rer Generationen und über die Kraft bewuss­ter Erinnerung.

Dann führ­te der Weg zum ehe­ma­li­gen Haus der Familie Jakob Auerbach an der Bahnhofstraße. Die Stolpersteine vor dem Gebäude erin­nern an die frü­he­ren Bewohner, die aus ihrem Alltag geris­sen wur­den. Besonders nahe kam die Familiengeschichte allen noch ein­mal, als sie auf die Stolpersteine von Hermann und Johanna Auerbach blick­ten.

Am Mahnmal an der Königsstraße traf die Gruppe den 95-jäh­ri­gen Ludwig Rüter, einen pen­sio­nier­ten Lehrer, der sich mit sei­nen Telgter Schülern sehr inten­siv mit der jüdi­schen Geschichte der Stadt aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Er gehört zu den Entdeckern der Alten Synagoge.

Im Zuge sei­ner Forschungen stell­te er vor über 30 Jahren den Kontakt zu Ilse Auerbach in den USA her. Dieser Kontakt führ­te 1989 zu einem Besuch Ilse Auerbachs mit ihrer Familie in Telgte. Damals schon dabei war ihre Enkelin, die damals 13-jäh­ri­ge Leah Stone.

„Den Besuch damals habe ich nie ver­ges­sen“, sag­te Leah Stone. Die erneu­te Begegnung mit Ludwig Rüter beweg­te sie sehr. „Dieser Besuch ver­bin­det Kulturen, Generationen und Kontinente“, resü­mier­te Barbara Elkeles.

Zum Mittagessen traf Bürgermeisterin Katja Behrendt die Besucher. „Wir blei­ben ver­ant­wort­lich für die Aufarbeitung der Geschichte. Wir müs­sen Brücken zwi­schen Vergangenheit und Zukunft schla­gen“, sag­te die Bürgermeisterin und dank­te der Familie Stone für den Mut und für die Bereitschaft, die­se Reise anzu­tre­ten.

Trotz aller Bedrücktheit gab es immer wie­der auch fröh­li­che Momente. Hannah und Ella-Leni fan­den rasch gemein­sa­me Themen mit Amelie und Ben, vor allem bei den Trinkpausen an die­sem hei­ßen Tag. Die Fußball-WM und die Chancen ihrer Nationen inter­es­sier­ten sie alle.

Barbara Elkeles blick­te spä­ter auf den Tag zurück: „Der Besuch von Leah Stone und ihrer Familie macht die Relevanz von Erinnerungskultur in der Gegenwart deut­lich. In einer Zeit, in der Antisemitismus und Ausgrenzung wie­der zuneh­men, erin­nert er dar­an, dass Toleranz und Demokratie nicht selbst­ver­ständ­lich sind. Sie erfor­dern ste­ti­ge Auseinandersetzung, offe­ne Begegnungen und akti­ves Handeln. Telgte hat gezeigt, dass es sich die­ser Verantwortung bewusst stellt – durch his­to­ri­sches Bewusstsein und den fes­ten Willen, Geschichte leben­dig zu hal­ten und nicht zu ver­ges­sen.“ Ben Karthaus und Amelie Böwing sind sich einig: „Wir haben Geschichte erlebt, wie es im Geschichtsunterricht gar nicht mög­lich ist.“

Westfälische Nachrichten, Ausgabe Telgte, 4.7.2026

Besuch bei der an die ermor­de­ten Juden erin­nern­de Stele.

Veranstaltungen im Rahmen des 6. Festivals „Musik & Kultur der Synagoge“ am Sonntag, 14. Juni 2026 14.00–18.30Uhr

Orte: Bochum und Orten mit Landsynagogen in Westfalen

14.00: Lesung: Gabriele Brüning, Münster und Dr. Manfred Keller, Bochum
„Das Glück liegt auf der Hand“
Im Mittelpunkt die­ser Lesung ste­hen Texte der deutsch-ame­ri­ka­ni­schen Schriftstellerin Elizabeth Petuchowski, die jüdi­sche Weisheit und Humor auf ein­drucks­vol­le Weise ver­bin­det. Die Schauspielerin Gabriele Brüning (Münster) trägt aus­ge­wähl­te Texte vor, ergänzt durch eine Einführung von Dr. Manfred Keller (Bochum).
Ort: Museum Religio, Herrenstraße 1–2, 48291 Telgte

15.00 – 16.00: Führungen durch die Alte Synagoge Telgte (Dr. Barbara Elkeles und Vorstand „Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte e. V.«)
Treffpunkt: Emsstraße 4.

17.00: Konzert „Ma towu – wie schön sind dei­ne Zelte – Synagogale Musik aus drei Jahrhunderten“ mit dem Collegium voca­le Dortmund (Leitung: Michael Hönes) und dem Chor der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum-Linden (Leitung: Andrea Kampmann), Moderation Dr. Manfred Keller, Bochum
Ort: Kath. Propstei- und Pfarrkirche St. Clemens, Kardinal-von-Galen-Platz, 48291 Telgte

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, um eine Spende zur Deckung der Kosten wird gebeten.

Programm Telgte (pdf/1,2MB)
Gesamtprogramm (pdf/15MB)

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

Jüdisches Leben in der Region nach 1945: Wege der Rückkehr und des Neubeginns

Am Montag, den 26. Januar 2026, folg­ten zahl­rei­che inter­es­sier­te Bürgerinnen und Bürger aus Telgte, Münster und der Umgebung der Einladung des Vereins Erinnerung und Mahnung Telg-te, der Stadt Telgte, des St. Rochus-Hospitals, der katho­li­schen und evan­ge­li­schen Kirchengemeinden, des RELíGIO sowie des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums zu einer bewe­gen­den Veranstaltung in der Aula des Schulzentrums. Gemeinsam gedach­ten die Gäste der Opfer des Nationalsozialismus und rich­te­ten den Blick beson­ders auf die Lebenswege jüdi­scher Rückkehrer aus dem Kreis Warendorf nach 1945 – ein deut­li­ches Signal für eine leben­di­ge Erinnerungskultur und gegen das Vergessen.

Den musi­ka­li­schen Auftakt gestal­te­te das Quartett Saxibylla, das mit ein­fühl­sa­men Klängen den Rahmen für die Veranstaltung schuf. In ihrer Begrüßung beton­te Schulleiterin Mechthild Rövekamp-Zurhove die Bedeutung der Erinnerungskultur: „Es darf nie­mals Schluss sein mit der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit. Nur wenn wir uns erin­nern, blei­ben wir Menschen und mensch­lich.“ Auch Bürgermeisterin Katja Behrendt unter­strich in ihrem Grußwort die Aktualität des Gedenkens: „Gedenken ist immer gegen­warts­be­zo­gen. Es stellt Fragen an uns heu­te: Wo sehen wir Ausgrenzung? Wo wer­den Menschen auch heu­te her­ab­ge­wür­digt? Wo schwei­gen wir, obwohl Widerspruch eigent­lich nötig wäre? Gerade des­halb ist das Gedenken kei­ne rück­wärts­ge­wand­te Pflicht, son­dern eine akti­ve demo­kra­ti­sche Praxis.“

Einen beson­de­ren Beitrag leis­te­ten Nicole und Moritz, eine Schülerin und ein Schüler aus dem Geschichtsleistungskurs des Gymnasiums. Sie inter­pre­tier­ten zwei Karikaturen: Die ers­te, „How the Beasts Begin“ von David Low aus dem Jahr 1943, zeigt, wie all­täg­li­che Vorurteile und das Wegschauen der Mehrheit den Nährboden für das Grauen des Holocaust berei­te­ten. Die zwei­te Karikatur, gezeich­net von Marco De Angelis im Jahr 2017, the­ma­ti­siert die fort­dau­ern­de Gefahr des Vergessens und der Leugnung. Die täto­wier­te Nummer auf dem Arm eines KZ-Häftlings ent­puppt sich als Datum – 27.01.2017 – und ver­weist dar­auf, dass die Verantwortung für das Erinnern bis in die Gegenwart reicht. „Erinnerungskultur ist eben kein pas­si­ves Gedenken, son­dern ein akti­ver Schutz für die Gegenwart. Ein Schutz vor den Worten, die bei Low den Anfang mar­kie­ren und bei De Angelis die Wunden des Nationalsozialismus offen hal­ten“, fass­ten die bei­den ihre Gedanken zusammen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag von Dr. Knut Langewand, Leiter des Kreisarchivs Warendorf. Unter dem Titel „Neuanfang. Jüdische Rückkehr und Ansiedlung nach 1945“ schil­der­te er ein­drück­lich die Herausforderungen, denen jüdi­sche Überlebende nach ihrer Rückkehr in die Region begeg­ne­ten. Dr. Langewand mach­te deut­lich, dass der Begriff „Neuanfang“ für die meis­ten Überlebenden eine Illusion blieb: „Neuanfang – allein das Wort ist schon pro­ble­ma­tisch in die­sem Zusammenhang, denn für kei­nen der­je­ni­gen Jüdinnen und Juden, die 1945 oder danach zurück­ka­men, gab es eine Stunde Null.“ Viele kehr­ten in zers­tö­te oder ent­eig­ne­te Häuser zurück, muss­ten mate­ri­el­le Not und Unsicherheit bewäl­ti­gen und leb­ten oft Tür an Tür mit ehe­ma­li­gen Tätern oder Mitläufern. Anhand bewe­gen­der Einzel-schick­sa­le, wie der Familien Riebak aus Ahlen und Mundinger aus Telgte sowie des in Warendorf behei­ma­te­ten spä­te­ren Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, wur­de deut­lich, wie schwie­rig und oft schmerz­haft der Weg zurück in ein nor­ma­les Leben war. Dr. Langewand beton­te, dass die Rückkehrer sowohl mit den Folgen der Verfolgung und dem Verlust ihrer Angehörigen zu kämp­fen hat­ten, als auch mit einer Gesellschaft, die sich erst lang­sam ihrer Verantwortung stellte.

Pfarrer Sacha Sommershoff von der Evangelischen Kirchengemeinde Telgte sprach den Dank aller Kooperationspartner aus und wür­dig­te das Engagement der Beteiligten: „Mein beson­de­rer Dank gilt vor allem dem Verein Erinnerung und Mahnung, der uns immer wie­der zusam­men­ruft und dafür sorgt, dass das Gedenken in Telgte leben­dig bleibt.“ Im Anschluss an die Veranstaltung nutz­ten vie­le Gäste die Gelegenheit, bei Getränken und jüdi­schen Spezialitäten aus der Bäckerei St. Nikolaus mit­ein­an­der ins Gespräch zu kom­men und die Eindrücke des Abends gemein­sam zu reflektieren.

Dr. Barbara Elkeles, Vorstandsvorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, blick­te am Ende der Veranstaltung auf die Bedeutung des gemein­sa­men Erinnerns: „Gerade in einer Zeit, in der anti­se­mi­ti­sche und men­schen­feind­li­che Tendenzen wie­der spür­bar wer­den, ist es wich­ti­ger denn je, die Geschichte wach­zu­hal­ten und dar­aus Verantwortung für die Gegenwart zu über­neh­men. Die Vielfalt der Beiträge und die gro­ße Resonanz zei­gen, dass das Gedenken in Telgte leben­dig ist und Menschen ver­bin­det. Unser Ziel bleibt, den Dialog zu för­dern und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus als Mahnung für eine offe­ne und soli­da­ri­sche Gesellschaft zu bewahren.“

Die Veranstaltung war Teil einer Kooperation zahl­rei­cher Institutionen und wird am Donnerstag, den 29. Januar 2026, um 18:00 Uhr im „RELíGIO – Westfälisches Museum für reli­giö­se Kultur“ fort­ge­setzt. In Zusammenarbeit mit der VHS Warendorf wird dort der Film „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ gezeigt. Das Drama aus dem Jahr 2009 mit Veronika Ferres und Armin Rohde in den Hauptrollen basiert auf den Erinnerungen der Jüdin Marga Spiegel und erzählt die bewe­gen­de Geschichte einer jüdi­schen Familie, die wäh­rend der NS-Zeit durch muti­ge Bauern im Münsterland geret­tet wurde.

Bild: Westfälische Nachrichten
Bild: Bartnick, St. Rochus-Hospital

Gedenkveranstaltung in der Villa ten Hompel am 11. Dezember 2025 – Beitrag von Dr. Barbara Elkeles über Mischehen in Telgte

Mit lan­ger Tradition lädt der Verein „Spuren fin­den e. V.“ jedes Jahr im Dezember in die Villa ten Hompel ein, um Opfern des Nationalsozialismus aus dem Münsterland zu geden­ken. Die dies­jäh­ri­ge – sehr gut besuch­te – Veranstaltung am 11. Dezember war schwer­punkt­mä­ßig Opfergruppen aus der Arbeiterbewegung in und um Münster gewidmet.

Friedhelm Redlich stell­te sei­ne umfang­rei­chen Forschungen zu die­sem Thema vor. Weitere Kurzvorträge betra­fen ein­zel­ne sehr erschüt­tern­de Schicksale aus Hamm und Münster. Sie wur­den in sehr bewe­gen­den Beiträgen gro­ßen­teils durch direk­te Nachfahren der Opfer vorgetragen.

Dr. Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins Erinnerung Mahnung Telgte, erin­ner­te an eine ande­re, bis­her wenig beach­te­te Opfergruppe: die soge­nann­ten Mischehefamilien. Sie konn­ten zwar in der Regel im Inland über­le­ben, waren jedoch zahl­rei­chen Verfolgungsmaßnahmen aus­ge­setzt und lit­ten auch nach 1945 an den Folgen der schwe­ren wirt­schaft­li­chen und beruf­li­chen Benachteiligungen und an kör­per­li­chen und see­li­schen Traumata.
Für Telgte führ­te sie vier Beispiele an: Die Familie von Max Auerbach (ein Bruder von Hermann Auerbach) und Laura Fernholz mit ihren fünf Kindern, die aus Münster zuge­zo­ge­nen Familien Mundinger und Richter, die in den Bauernschaften Schwienhorst und Raestrup wohn­ten, sowie die 14jährige Ursula Kuppenheim, deren Versteck auf einem Telgter Bauernhof im ver­gan­ge­nen Jahr mit­hil­fe des Landwirtschaftlichen Wochenblattes gefun­den wer­den konnte.

Das Auditorium dank­te für die­sen Beitrag, der eine Forschungslücke schließt, mit nach­denk­li­chem Beifall.

Informationstafeln vor der Alten Synagoge Telgte

Feierstunde zur Übergabe an die Öffentlichkeit am 6. Juli 2025

In einer gut besuch­ten Feierstunde konn­ten am 6. Juli 2025 drei Informationstafeln vor der Alten Synagoge Telgte der Öffentlichkeit über­ge­ben wer­den. Sie erläu­tern und illus­trie­ren die wech­sel­haf­te Geschichte des Gebäudes und infor­mie­ren über 400 Jahre jüdi­sches Leben in unse­rer Stadt. Der Verein Erinnerung und Mahnung konn­te die­ses Projekt durch eine Spende der Sparkasse Münsterland Ost sowie eine gro­ße Spendenbereitschaft der Vereinsmitglieder und der Bevölkerung rea­li­sie­ren, für die an die­ser Stelle noch ein­mal herz­lich gedankt sei.


Efraim Yehoud-Desel, Rabbiner und Kantor, und sei­ne Tochter Elinoah umrahm­ten die Feierstunde mit syn­ago­ga­len Gesängen. Gebannt tauch­ten die Zuhörer wäh­rend ihres Vortrages in die Atmosphäre des Raumes ein, der fast 200 Jahre lang Ort der gemein­sa­men Gebete und Gottesdienste der jüdi­schen Gemeinschaft war.


Bürgermeister Wolfgang Pieper erin­ner­te in einem bewe­gen­den Grußwort dar­an, wie wich­tig es ist, die Erinnerungskultur leben­dig zu hal­ten, und die Synagoge als Denkanstoß und Mahnmal zu nut­zen. Dr. Barbara Elkeles als Vorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung stell­te die Geschichte die­ses bedeut­sa­men Gebäudes dar und berich­te­te über das jahr­hun­der­te­lan­ge Zusammenleben der jüdi­schen Bevölkerung mit der Stadtgesellschaft, des­sen Modalitäten immer wie­der neu aus­ge­han­delt wer­den muss­ten. Sie erläu­ter­te an Beispiele, wie Konflikte gelöst und Kompromisse erar­bei­tet wur­den und wie sich Ende des 19. Jahrhunderts Stadtverwaltung und Teile der Bevölkerung öffent­lich mit der jüdi­schen Gemeinschaft soli­da­ri­sier­ten und von anti­se­mi­ti­schen Tendenzen distanzierten.


Auch heu­te ist es wich­tig, Zeichen für Demokratie, Mitmenschlichkeit, bür­ger­schaft­li­ches Engagement und Völkerverständigung zu set­zen. Dazu sol­len die Tafeln bei­tra­gen, indem sie in zen­tra­ler Lage mit­ten in Telgte auf die Synagoge und das jüdi­sche Leben bis hin zu sei­nem gewalt­sa­men Ende in der NS-Zeit hinweisen.

Feierstunde vor der Alten Synagoge: drei Informationsstelen werden der Öffentlichkeit übergeben.

6. Juli um 15:00 Uhr

Am Sonntag, 6. Juli 2025 um 15.00 wer­den in einer klei­nen Feierstunde drei Informationsstelen vor der Alten Synagoge in Telgte (Emsstraße 4) der Öffentlichkeit über­ge­ben. Der Verein Erinnerung und Mahnung Telgte konn­te die­ses Projekt durch eine Spende der Sparkassenstiftung in Höhe von 3000 € sowie durch eine über­wäl­ti­gen­de Spendenbereitschaft der Vereinsmitglieder und der Bevölkerung rea­li­sie­ren.
Die Tafeln machen die Geschichte die­ses ein­zig­ar­ti­gen Gebäudes sicht­bar und nach­voll­zieh­bar und erin­nern an die jüdi­sche Bevölkerung Telgtes, die eng mit der ehe­ma­li­gen Synagoge ver­bun­den ist. Gerade jetzt, wo men­schen­ver­ach­ten­de und demo­kra­tie­feind­li­che Ideologien lau­ter wer­den, anti­se­mi­ti­sche Strömungen an Kraft gewin­nen und der Friede zuneh­mend bedroht ist, ist es beson­ders wich­tig, das jahr­hun­dert­lan­ge Zusammenleben der jüdi­schen und nicht­jü­di­schen Bevölkerung in unse­rer Stadt sicht­bar zu machen und mah­nend an die Auslöschung jüdi­schen Lebens durch die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Verfolgung zu erin­nern.
Rabbiner Efraim Yehoud Desel wird die Feier mit syn­ago­ga­len Gesängen umrah­men, um in wür­de­vol­ler und beson­ders ein­drück­li­cher Weise an die Bedeutung die­ses Gebäudes zu erin­nern und die Teilnehmer in die jüdi­sche Religion und Kultur ein­zu­füh­ren. Für Sitzgelegenheiten wird gesorgt.
Eine hal­be Stunde vor Beginn sowie im Anschluss an die Veranstaltung wird eine Führung durch die Synagoge angeboten.

Aus eigener Initiative Stolpersteine geputzt

Rahel Winkels und ihre Kinder Manuel (9 Jahre) und Letizia (7 Jahre) waren gera­de dabei, die Stolpersteine für Siegfried und Henriette Mildenberg und ihren Pflegesohn Karl-Heinz Steinhardt zu put­zen, die vor der ehe­ma­li­gen Synagoge (Königstraße 43) ver­legt sind. Dabei tra­fen sie zufäl­lig mit Barbara Elkeles, der Vorsitzenden des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, zusam­men. Die Familie über­nimmt die Pflege der Stolpersteine ein­mal jähr­lich aus eige­ner Motivation. Sie möch­te damit einen Beitrag zum Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft leis­ten. In die­sem Jahr hat­te Rahel Winkels bewusst den 8. Mai dafür aus­ge­wählt, um mit ihren Kindern an das Kriegsende zu erinnern.

Vielleicht fin­det die­se groß­ar­ti­ge pri­va­te Initiative ja Nachfolger!

Verleihung Dr. Julius Voos-Preis

von Anja Kreysing
Wir freu­en uns sehr, dass uns für das Projekt „Jüdisches Leben in Telgte. Gestaltung von Erinnerung am Maria-Sibylla-Merian Gymnasium“ von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster der Dr. Julius Voos-Preis 2024 ver­lie­hen wur­de.
Die Preisverleihung fand am 10.03.2025 in einem Festakt zur Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ im Festsaal des his­to­ri­schen Rathauses Münster statt.
Neben uns wur­de auch das Mariengymnasium Münster für das Theaterstück „Briefe nach Ewigheim“ über die grau­en­vol­le „T4-Aktion“ des Nationalsozialistischen Regimes aus­ge­zeich­net. Sieben Schülerinnen zeig­ten im Festsaal beein­dru­cken­de Ausschnitte ihres bewe­gen­den Theaterprojektes.
Das Maria-Sibylla-Merian-Gymnasium Telgte prä­sen­tier­te aus­ge­wähl­te künst­le­ri­sche Arbeiten aus dem online-Projekt, Eindrücke der Schülerinnen und Schüler von der Reise nach Buchenwald sowie berüh­ren­de Lyrik der mit nur 18 Jahren in Lagerhaft umge­kom­me­nen Lyrikerin Selma Merbaum.
Das Projekt „Jüdisches Leben in Telgte. Gestaltung von Erinnerung am Maria-Sibylla-Merian Gymnasium“ ent­wi­ckelt sich aus­ge­hend von der Restauration der alten Synagoge immer wei­ter zu einer schu­li­schen Plattform für eine neue, inter­dis­zi­pli­nä­re und zeit­ge­mä­ße Erinnerungskultur. Die Beschäftigung mit dem jüdi­schen Leben in Telgte im Rahmen die­ses Projektes ist eine künst­le­ri­sche wie wis­sen­schaft­lich-pro­pä­deu­ti­sche, sub­jek­ti­ve und empha­ti­sche Auseinandersetzung mit dem in Nazi-Deutschland so bru­tal aus­ge­lösch­ten jüdi­schen Leben am eige­nen Wohnort.

Zur Ausstellung

Finding Ivy. Ein lebenswertes Leben“

Wanderausstellung im St. Rochus-Hospital Telgte
Am 12. März 2025 wur­de die Wanderausstellung „Finding Ivy. Ein lebens­wer­tes Leben“
des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim (AT) fei­er­lich im St. Rochus-Hospital Telgte eröff­net. Bis zum 09. April 2025 luden die Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik gemein­sam mit dem Verein Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. alle inter­es­sier­ten Bürgerinnen und Bürger ein, die Ausstellung im Foyer vor der Krankenhauskirche zu besu­chen und sich mit dem Schicksal von in Großbritannien gebo­re­nen Menschen aus­ein­an­der­zu­set­zen, die wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Aktion T4“ ermor­det wur­den. Auf beun­ru­hi­gen­de Darstellungen wird in der Ausstellung bewusst ver­zich­tet. Vielmehr wer­den die indi­vi­du­el­len Lebensgeschichten der zu Opfern gemach­ten Menschen beleuch­tet – unter ande­rem auch die von Gladys Strauss, einer jun­gen jüdi­schen Frau, die mehr als zwei Jahre lang wegen einer Schizophrenie im St. Rochus-Hospital behan­delt wurde.

v. l. Wolfgang Pieper (Bürgermeister), Prof. Dr. Mathias Rothermund (Ärztlicher Direktor SRT), Dr. Barbara Elkeles (Verein Erinnerung und Mahnung), Peter van Elst (Seelsorger SRT, Matthias Schulte (Pflegedirektor SRT), Daniel Frese (Geschäftsführer SRT)

Eröffnung mit gela­de­nen Gästen
Zur Eröffnungsveranstaltung in der Kirche des St. Rochus-Hospitals kamen neben Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten sowie Nachbarinnen und Nachbarn der Klinik auch gela­de­ne Gäste aus Politik, Kirche und Gesundheitswesen. Unter ihnen befand sich auch Bürgermeister Wolfgang Pieper.

Der Ärztliche Direktor des St. Rochus-Hospitals, Prof. Dr. Matthias Rothermundt, ver­band in sei­ner Begrüßung den medi­zi­ni­schen Auftrag des Hauses mit der his­to­ri­schen Verantwortung: Er erin­ner­te dar­an, dass ein Krankenhaus „nicht nur ein Ort des Heilens – son­dern auch ein Ort der Verantwortung“ sei und beton­te die Wichtigkeit, „an das Leid zu erin­nern, das an Menschen wie Gladys Strauss ver­übt wur­de.“ „Nur so“, füg­te er hin­zu, „ler­nen wir wirk­lich aus der Vergangenheit und blei­ben wach­sam im Umgang mit den ver­letz­lichs­ten Mitgliedern unse­rer Gesellschaft.“

Blick in die Ausstellung, links die Tafel für Gladys Strauss

Das Ensemble Saxibylla (Maria Sibylla Merian Gymnasium) bei der Eröffnungsfeier

Historische Forschung als Brücke zur Gegenwart
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag von Dr. Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. und Teil des inter­na­tio­na­len Forschungsteams, das die Ausstellung ent­wi­ckel­te. Sie schil­der­te, wie „inter­dis­zi­pli­nä­re Detektivarbeit“ nötig war, um die Schicksale der drei­zehn bri­ti­schen Opfer der „Aktion T4“ zu rekon­stru­ie­ren. Archivmaterial aus drei Ländern sowie per­sön­li­che Zeugnisse von Angehörigen haben es ermög­licht, jenen Menschen ihre Geschichte zurück­zu­ge­ben. „Ihre Schicksale zei­gen“, so Dr. Barbara Elkeles wei­ter, „wie schnell Ausgrenzung und Diskriminierung das Leben eines Menschen sys­te­ma­tisch ver­än­dern und schließ­lich zer­stö­ren kann.“

Besondere emo­tio­na­le Resonanz rief die von ihr recher­chier­te und für die Ausstellung auf­be­rei­te­te Lebensgeschichte von Gladys Strauss her­vor, die seit Mai 1938 im St. Rochus-Hospital behan­delt wur­de und im September 1940 auf Anordnung der NS-Behörden depor­tiert und am 29. September 1940 in einer Tötungsanstalt ermor­det wurde.

Eine Ausstellung mit aktu­el­ler Bedeutung
Anschließend lenk­te Peter van Elst, Seelsorger des St. Rochus-Hospitals, den Blick auf die Verantwortung der Gegenwart. Die gezeig­ten Schicksale sei­en ein Spiegel, vor dem man sich fra­gen müs­se, „wie wir heu­te mit Menschen umge­hen, die als schwach oder nicht leis­tungs­fä­hig gel­ten.“ Anschließend lud er die Gäste ein, sich die Ausstellung im Foyer vor der Kirche anzu­se­hen und mit­ein­an­der ins Gespräch zu kommen.

Den fei­er­li­chen Rahmen der Eröffnung ver­voll­stän­dig­te die musi­ka­li­sche Begleitung durch das Saxophon-Quartett „Saxibylla“ vom Jugendblasorchester des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums Telgte.

Daniel Freese, Geschäftsführer des St. Rochus-Hospitals, hob im Anschluss an die fei­er­li­che Eröffnung her­vor, dass die­ser Ausstellungsort bewusst gewählt sei: Ein Krankenhaus sei „sowohl ein Ort der Medizin als auch ein Ort der Menschlichkeit.“ Deshalb wer­de die Vergangenheit hier aktiv auf­ge­ar­bei­tet, „damit sich jeder Mensch in sei­ner Würde geschützt weiß“ – gera­de in einer Einrichtung, die sich psy­chisch erkrank­ten Menschen widmet.

Besucher der Eröffnungsfeier, im Hintergrund die Ausstellung

Besuch der Ausstellung
Sowohl die Verantwortlichen des St. Rochus-Hospitals als auch die Kooperationspartner des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. freu­en sich über die posi­ti­ve Resonanz auf die Ausstellung. Neben zahl­rei­chen Bürgerinnen und Bürgern, die die Gelegenheit nut­zen, die Ausstellung in Eigenregie zu besich­ti­gen, war auch das Interesse sei­tens wei­ter­füh­ren­der Schulen und Berufskollegs groß. Im gesam­ten Ausstellungszeitraum setz­ten sich allein im Rahmen von Führungen weit mehr als 100 jun­ge Menschen mit den dar­ge­stell­ten Biografien aus­ein­an­der – dar­un­ter ein Englischleistungskurs des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums, Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Telgte sowie meh­re­re Klassen ange­hen­der Heilerziehungspflegerinnen und ‑pfle­ger des St. Vincenz-Berufskollegs Ahlen.

Gerade jun­gen Leuten die Geschichten die­ser zu Opfer gemach­ten Menschen nahe zu brin­gen ist uns ein beson­de­res Anliegen“, erläu­tert Frau Dr. Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. „Wir möch­ten, dass Erinnern zu einem akti­ven Gestalten der Gegenwart und Zukunft beiträgt.“

Auch von­sei­ten des Krankenhauses ist die Resonanz posi­tiv. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, als Klinik die­sen wich­ti­gen Beitrag zur Erinnerungsarbeit zu leis­ten und Raum für eine fun­dier­te Auseinandersetzung mit der Geschichte zu schaf­fen“, betont Daniel Freese, Geschäftsführer des St. Rochus-Hospitals. „Wir freu­en uns auf zahl­rei­che wei­te­re Besucherinnen und Besucher.“

Infokasten: Das Schicksal von Gladys Strauss
Gladys Rosie Iris Marx, gebo­ren 1910 in London, wuchs nach der frü­hen Scheidung ihrer Eltern in Berlin auf. Dort hei­ra­te­te sie mit nur 22 Jahren den deut­lich älte­ren Kaufmann Fritz Strauss. Die Repressalien des NS-Regimes tra­fen das Ehepaar schon 1933. 1935 erkrank­te Gladys an Schizophrenie. Ihre Erkrankung ver­schlim­mer­te sich so, dass sie in meh­re­ren Anstalten behan­delt wur­de – zuletzt seit Mai 1938 im St. Rochus-Hospital in Telgte. Schließlich muss­te sie auf Anordnung des Reichsinnenministeriums im September 1940 nach Wunstorf ver­legt wer­den. Von dort wur­de sie eini­ge Tage spä­ter in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel depor­tiert. Am 29. September 1940 wur­de sie dort mit Kohlenmonoxid ermor­det, kurz vor ihrem 30. Geburtstag.

Ihr Schicksal ver­deut­licht, wie eng die Verbrechen der NS-Zeit mit Orten ver­bun­den sind, die heu­te als Heilungs- und Schutzräume gel­ten. „Finding Ivy. Ein lebens­wer­tes Leben“ erin­nert an Gladys Strauss und wei­te­re Opfer, deren Leben im Zeichen einer men­schen­ver­ach­ten­den Ideologie für „unwert“ erklärt wur­de – und regt dazu an, Verantwortung für die Schwächsten in unse­rer Gesellschaft zu übernehmen.