Monate: Januar 2026

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus

Jüdisches Leben in der Region nach 1945: Wege der Rückkehr und des Neubeginns

Am Montag, den 26. Januar 2026, folg­ten zahl­rei­che inter­es­sier­te Bürgerinnen und Bürger aus Telgte, Münster und der Umgebung der Einladung des Vereins Erinnerung und Mahnung Telg-te, der Stadt Telgte, des St. Rochus-Hospitals, der katho­li­schen und evan­ge­li­schen Kirchengemeinden, des RELíGIO sowie des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums zu einer bewe­gen­den Veranstaltung in der Aula des Schulzentrums. Gemeinsam gedach­ten die Gäste der Opfer des Nationalsozialismus und rich­te­ten den Blick beson­ders auf die Lebenswege jüdi­scher Rückkehrer aus dem Kreis Warendorf nach 1945 – ein deut­li­ches Signal für eine leben­di­ge Erinnerungskultur und gegen das Vergessen.

Den musi­ka­li­schen Auftakt gestal­te­te das Quartett Saxibylla, das mit ein­fühl­sa­men Klängen den Rahmen für die Veranstaltung schuf. In ihrer Begrüßung beton­te Schulleiterin Mechthild Rövekamp-Zurhove die Bedeutung der Erinnerungskultur: „Es darf nie­mals Schluss sein mit der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit. Nur wenn wir uns erin­nern, blei­ben wir Menschen und mensch­lich.“ Auch Bürgermeisterin Katja Behrendt unter­strich in ihrem Grußwort die Aktualität des Gedenkens: „Gedenken ist immer gegen­warts­be­zo­gen. Es stellt Fragen an uns heu­te: Wo sehen wir Ausgrenzung? Wo wer­den Menschen auch heu­te her­ab­ge­wür­digt? Wo schwei­gen wir, obwohl Widerspruch eigent­lich nötig wäre? Gerade des­halb ist das Gedenken kei­ne rück­wärts­ge­wand­te Pflicht, son­dern eine akti­ve demo­kra­ti­sche Praxis.“

Einen beson­de­ren Beitrag leis­te­ten Nicole und Moritz, eine Schülerin und ein Schüler aus dem Geschichtsleistungskurs des Gymnasiums. Sie inter­pre­tier­ten zwei Karikaturen: Die ers­te, „How the Beasts Begin“ von David Low aus dem Jahr 1943, zeigt, wie all­täg­li­che Vorurteile und das Wegschauen der Mehrheit den Nährboden für das Grauen des Holocaust berei­te­ten. Die zwei­te Karikatur, gezeich­net von Marco De Angelis im Jahr 2017, the­ma­ti­siert die fort­dau­ern­de Gefahr des Vergessens und der Leugnung. Die täto­wier­te Nummer auf dem Arm eines KZ-Häftlings ent­puppt sich als Datum – 27.01.2017 – und ver­weist dar­auf, dass die Verantwortung für das Erinnern bis in die Gegenwart reicht. „Erinnerungskultur ist eben kein pas­si­ves Gedenken, son­dern ein akti­ver Schutz für die Gegenwart. Ein Schutz vor den Worten, die bei Low den Anfang mar­kie­ren und bei De Angelis die Wunden des Nationalsozialismus offen hal­ten“, fass­ten die bei­den ihre Gedanken zusammen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag von Dr. Knut Langewand, Leiter des Kreisarchivs Warendorf. Unter dem Titel „Neuanfang. Jüdische Rückkehr und Ansiedlung nach 1945“ schil­der­te er ein­drück­lich die Herausforderungen, denen jüdi­sche Überlebende nach ihrer Rückkehr in die Region begeg­ne­ten. Dr. Langewand mach­te deut­lich, dass der Begriff „Neuanfang“ für die meis­ten Überlebenden eine Illusion blieb: „Neuanfang – allein das Wort ist schon pro­ble­ma­tisch in die­sem Zusammenhang, denn für kei­nen der­je­ni­gen Jüdinnen und Juden, die 1945 oder danach zurück­ka­men, gab es eine Stunde Null.“ Viele kehr­ten in zers­tö­te oder ent­eig­ne­te Häuser zurück, muss­ten mate­ri­el­le Not und Unsicherheit bewäl­ti­gen und leb­ten oft Tür an Tür mit ehe­ma­li­gen Tätern oder Mitläufern. Anhand bewe­gen­der Einzel-schick­sa­le, wie der Familien Riebak aus Ahlen und Mundinger aus Telgte sowie des in Warendorf behei­ma­te­ten spä­te­ren Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, wur­de deut­lich, wie schwie­rig und oft schmerz­haft der Weg zurück in ein nor­ma­les Leben war. Dr. Langewand beton­te, dass die Rückkehrer sowohl mit den Folgen der Verfolgung und dem Verlust ihrer Angehörigen zu kämp­fen hat­ten, als auch mit einer Gesellschaft, die sich erst lang­sam ihrer Verantwortung stellte.

Pfarrer Sacha Sommershoff von der Evangelischen Kirchengemeinde Telgte sprach den Dank aller Kooperationspartner aus und wür­dig­te das Engagement der Beteiligten: „Mein beson­de­rer Dank gilt vor allem dem Verein Erinnerung und Mahnung, der uns immer wie­der zusam­men­ruft und dafür sorgt, dass das Gedenken in Telgte leben­dig bleibt.“ Im Anschluss an die Veranstaltung nutz­ten vie­le Gäste die Gelegenheit, bei Getränken und jüdi­schen Spezialitäten aus der Bäckerei St. Nikolaus mit­ein­an­der ins Gespräch zu kom­men und die Eindrücke des Abends gemein­sam zu reflektieren.

Dr. Barbara Elkeles, Vorstandsvorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, blick­te am Ende der Veranstaltung auf die Bedeutung des gemein­sa­men Erinnerns: „Gerade in einer Zeit, in der anti­se­mi­ti­sche und men­schen­feind­li­che Tendenzen wie­der spür­bar wer­den, ist es wich­ti­ger denn je, die Geschichte wach­zu­hal­ten und dar­aus Verantwortung für die Gegenwart zu über­neh­men. Die Vielfalt der Beiträge und die gro­ße Resonanz zei­gen, dass das Gedenken in Telgte leben­dig ist und Menschen ver­bin­det. Unser Ziel bleibt, den Dialog zu för­dern und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus als Mahnung für eine offe­ne und soli­da­ri­sche Gesellschaft zu bewahren.“

Die Veranstaltung war Teil einer Kooperation zahl­rei­cher Institutionen und wird am Donnerstag, den 29. Januar 2026, um 18:00 Uhr im „RELíGIO – Westfälisches Museum für reli­giö­se Kultur“ fort­ge­setzt. In Zusammenarbeit mit der VHS Warendorf wird dort der Film „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ gezeigt. Das Drama aus dem Jahr 2009 mit Veronika Ferres und Armin Rohde in den Hauptrollen basiert auf den Erinnerungen der Jüdin Marga Spiegel und erzählt die bewe­gen­de Geschichte einer jüdi­schen Familie, die wäh­rend der NS-Zeit durch muti­ge Bauern im Münsterland geret­tet wurde.

Bild: Westfälische Nachrichten
Bild: Bartnick, St. Rochus-Hospital