Leah Stone besuchte vor wenigen Tagen gemeinsam mit ihrem Ehemann Eric und mit ihren beiden Töchtern Hannah und Ella-Leni Telgte, um Spuren ihrer Vorfahren aus der bekannten jüdischen Familie Auerbach zu erkunden. Der Weg führte sie zu zentralen Orten jüdischen Lebens und Leidens in Telgte. Der Tag berührte die Familie sichtlich: Die Geschichte der jüdischen Menschen in Telgte ist nicht vergessen.
Leah Stone ist eine Enkeltochter von Ilse Auerbach, die 1938 gemeinsam mit ihrer Schwester Margot in die USA emigrieren konnte. Die Eltern von Ilse und Margot, Hermann und Johanna Auerbach, bemühten sich ebenfalls um eine Ausreise – vergeblich. Sie teilten das Schicksal von Millionen Juden: Die Eltern wurden deportiert und im Warschauer Ghetto ermordet.
Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins „Erinnerung und Mahnung“, führte die Gäste. Dabei waren außerdem Lioba Niederhoff, Volontärin im Religio, sowie Amelie Böwing und Ben Karthaus aus der elften Klasse des Maria-Sibylla-Merians-Gymnasiums. Der Rundgang begann auf dem jüdischen Friedhof am Hagen. Auf dem Friedhof verharrten die Familienmitglieder lange zwischen den Grabsteinen von Leni und Moritz Auerbach. Leni, eine Schwester von Ilse und Margot, war bereits 1932 in Telgte verstorben. „Es hat mich erschüttert und zutiefst berührt, an ihren Gräbern zu stehen“, wird Leah Stone später sagen.
Leah Stone hat ihre Großmutter Ilse Auerbach als herzliche, offene und liebevolle Frau erlebt: „Ihre Wärme prägt die Familie bis heute. Wir haben versucht, unseren Töchtern Ilses Werte und Ansichten weiterzugeben.“ Die Namen ihrer Töchter sprechen für sich: Hannahs Name erinnert an Ilses Mutter Johanna Auerbach. Den Namen Ella-Leni haben die Eltern in Gedenken an Ilses Schwester Leni gewählt. „Über das Leben in Deutschland hat meine Großmutter fast gar nicht gesprochen“, erinnert sich Leah Stone nachdenklich. Viele Überlebende wollten ihren Kindern den Schmerz und die Last der Vergangenheit ersparen. Die Monstrosität der Verbrechen konnten viele ein Leben lang nicht in Worte fassen.
Eine bewegende Station war die Alte Synagoge an der Emsstraße. Barbara Elkeles schilderte die Geschichte der kleinen Hinterhof-Synagoge, die mit dem Neubau einer größeren 1875 fast völlig in Vergessenheit geraten war und erst 2023 wieder instandgesetzt werden konnte.
Leah Stones Vater, der Sohn von Ilse Auerbach, wurde per Videoanruf zugeschaltet. Über den Bildschirm konnte auch er den Raum besuchen, in dem seine Vorfahren einst gelebt und gebetet hatten – ein Moment, der die Familie über Ozeane und Jahrzehnte hinweg verbindet.
Im Museum Religio sprach Lioba Niederhoff online mit Leahs Vater über die Erinnerungen an seine Mutter Ilse. Es wurde ein langes Gespräch über die Familiengeschichte, über das Schweigen früherer Generationen und über die Kraft bewusster Erinnerung.
Dann führte der Weg zum ehemaligen Haus der Familie Jakob Auerbach an der Bahnhofstraße. Die Stolpersteine vor dem Gebäude erinnern an die früheren Bewohner, die aus ihrem Alltag gerissen wurden. Besonders nahe kam die Familiengeschichte allen noch einmal, als sie auf die Stolpersteine von Hermann und Johanna Auerbach blickten.
Am Mahnmal an der Königsstraße traf die Gruppe den 95-jährigen Ludwig Rüter, einen pensionierten Lehrer, der sich mit seinen Telgter Schülern sehr intensiv mit der jüdischen Geschichte der Stadt auseinandergesetzt hat. Er gehört zu den Entdeckern der Alten Synagoge.
Im Zuge seiner Forschungen stellte er vor über 30 Jahren den Kontakt zu Ilse Auerbach in den USA her. Dieser Kontakt führte 1989 zu einem Besuch Ilse Auerbachs mit ihrer Familie in Telgte. Damals schon dabei war ihre Enkelin, die damals 13-jährige Leah Stone.
„Den Besuch damals habe ich nie vergessen“, sagte Leah Stone. Die erneute Begegnung mit Ludwig Rüter bewegte sie sehr. „Dieser Besuch verbindet Kulturen, Generationen und Kontinente“, resümierte Barbara Elkeles.
Zum Mittagessen traf Bürgermeisterin Katja Behrendt die Besucher. „Wir bleiben verantwortlich für die Aufarbeitung der Geschichte. Wir müssen Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft schlagen“, sagte die Bürgermeisterin und dankte der Familie Stone für den Mut und für die Bereitschaft, diese Reise anzutreten.
Trotz aller Bedrücktheit gab es immer wieder auch fröhliche Momente. Hannah und Ella-Leni fanden rasch gemeinsame Themen mit Amelie und Ben, vor allem bei den Trinkpausen an diesem heißen Tag. Die Fußball-WM und die Chancen ihrer Nationen interessierten sie alle.
Barbara Elkeles blickte später auf den Tag zurück: „Der Besuch von Leah Stone und ihrer Familie macht die Relevanz von Erinnerungskultur in der Gegenwart deutlich. In einer Zeit, in der Antisemitismus und Ausgrenzung wieder zunehmen, erinnert er daran, dass Toleranz und Demokratie nicht selbstverständlich sind. Sie erfordern stetige Auseinandersetzung, offene Begegnungen und aktives Handeln. Telgte hat gezeigt, dass es sich dieser Verantwortung bewusst stellt – durch historisches Bewusstsein und den festen Willen, Geschichte lebendig zu halten und nicht zu vergessen.“ Ben Karthaus und Amelie Böwing sind sich einig: „Wir haben Geschichte erlebt, wie es im Geschichtsunterricht gar nicht möglich ist.“
Westfälische Nachrichten, Ausgabe Telgte, 4.7.2026

Besuch bei der an die ermordeten Juden erinnernde Stele.



