Timothy Taylor besuchte nach jahrelanger Spurensuche den Ort, an dem seine Mutter Ursula Kuppenheim vor NS-Verfolgung versteckt wurde. In der Wöste kam es zu einem außergewöhnlichen Treffen.

In der Wöste, wo am 30. Juni eine besondere Begegnung stattfand, erinnert heute äußerlich kaum noch etwas an den Kotten, der hier einst stand. Auf dem Gelände der früheren Hofstelle befindet sich inzwischen die Takko-Hauptverwaltung. Für den eigens angereisten kanadischen Autor, Journalisten und Professor Timothy Taylor war dieser Ort dennoch weit mehr als ein veränderter Schauplatz. Hier hatte seine Mutter Ursula Kuppenheim im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung gefunden. Obwohl Ursula Kuppenheim und ihre Familie evangelisch getauft waren, spielte dies für die rassistische Ideologie des NS-Staates keine Rolle: Wegen ihrer jüdischen Vorfahren galt sie nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als sogenannter „Mischling ersten Grades“ und war damit gefährdet.
Rund 10.000 Seiten Familiennachlass
Dass Taylor diesen Ort überhaupt fand, verdankt er einer jahrelangen Recherche, deren Anfang in einem außergewöhnlichen Familiennachlass lag. Rund 10.000 Seiten mit Briefen, Tagebüchern, Dokumenten und Fotografien waren über Jahrzehnte von seinem Großvater Felix Kuppenheim gesammelt und bewahrt worden. Felix Kuppenheim wurde selbst ins Exil vertrieben. Nach dem Tod seiner Mutter gelangten sie schließlich zu Timothy Taylor. Als sie im Sterben lag, soll sie auf die Kisten gezeigt und Timothys Schwester gebeten haben, die Kisten zu Taylor zu bringen, verbunden mit der Hoffnung, er werde wissen, was damit zu tun sei.
Taylor wusste es zunächst nicht. Doch je tiefer er in die Unterlagen eintauchte, desto deutlicher wurde, dass darin nicht nur eine private Familiengeschichte bewahrt war, sondern ein Zeugnis von Verfolgung, Exil, Überleben und Erinnerung. Was Felix Kuppenheim über Jahrzehnte aufgehoben hatte, wurde für Taylor nach und nach zu einem Auftrag – ja zu einem Teil seines Lebenswerkes.
Spur führt nach Telgte
Aus diesem Vermächtnis erwuchs eine sechs- bis siebenjährige Nachforschung, in der Taylor den Spuren seiner Vorfahren folgte und ihre Geschichte Stück für Stück freilegte. Inmitten der Dokumente fand sich auch ein Foto, das für die Spur nach Telgte besondere Bedeutung bekam: Es zeigte seine Mutter Ursula Kuppenheim als 14-jähriges Mädchen auf einem Kotten im Münsterland, an ihrer Seite ein kleines Kind.
Ein wichtiger Hinweis war die Beschriftung des Fotos, durch die sich die Aufnahme auf das Jahr 1944 datieren ließ. Es stammt also aus jener Zeit, in der Taylor aus den Erzählungen seiner Mutter wusste, dass sie auf Bauernhöfen versteckt gewesen war. Wo die Aufnahme entstanden war und wer das Kind neben Ursula war, blieb lange ungeklärt. Die Suche nach diesem Ort und nach dem Mädchen auf dem Foto führte Taylor durch Briefe und Tagebücher, über verschiedene Kontinente und schließlich von Kanada nach Telgte, einmal um den halben Globus.
Die Suche nach dem Ort der Aufnahme
Dass aus dem Foto schließlich eine konkrete Spur nach Telgte wurde, verdankt Taylor auch der Unterstützung von Dr. Barbara Elkeles vom Telgter Verein „Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte“. Mit Hilfe von Gisbert Strootdrees, Redakteur des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“ und Historiker, der vielfach zum jüdischen Leben im ländlichen Westfalen publiziert hat, konnte das Foto in der Weihnachtsausgabe 2024 des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“ veröffentlicht werden. Gesucht wurden der Ort der Aufnahme und das Kind, das neben Ursula Kuppenheim zu sehen war.
Bereits am Folgetag der Veröffentlichung kam der entscheidende Anruf. „Ich bin das kleine Mädchen auf dem Bild“, sagte die Frau am Telefon. Es war Elisabeth Fockenbrock, geborene Janning-Picker. Sie besaß selbst Abzüge derselben Fotos. Als die Aufnahmen entstanden, war sie etwa anderthalb Jahre alt. Ursula Kuppenheim sei damals für sie so etwas wie ein Kindermädchen gewesen. Damit erhielt das Foto nicht nur einen Namen, sondern auch einen Ort: Die Aufnahme war an einem Kotten der Familie Janning-Picker entstanden, dessen frühere Hofstelle an der Wöste nun zum Ort der Begegnung wurde.
Dort kamen zunächst jene Menschen zusammen, die die Suche nach dem früheren Kotten und dem Mädchen auf dem Foto begleitet hatten oder auf unterschiedliche Weise mit diesem Ort verbunden sind. Anwesend waren Maria Janning-Picker und Cäcilia Janning-Picker, Schwestern von Elisabeth Fockenbrock. Elisabeth selbst traf Taylor später am Tag in Versmold. Auch Sarah Janning-Picker, eine Nichte Elisabeths, war eigens aus Hamburg angereist.
Erinnerungen und Fotoalben
Ebenfalls nahmen Taylors Ehefrau, der kanadische Historiker und Dokumentarproduzent Dr. Anthony Cantor, Dr. Barbara Elkeles sowie Prof. em. Peter Kröner an der Begegnung teil. Kröner, der als letzter noch auf der ursprünglichen Hofstelle gelebt hatte, bevor diese abgerissen wurde, empfing die Gäste an der Wöste und öffnete mit seinen Erinnerungen und Fotoalben einen weiteren Zugang zur Geschichte des Ortes.
Die Begegnung war zugleich Teil einer größeren dokumentarischen Arbeit. Anthony Cantor begleitet Taylor für den Podcast „The Hidden Holocaust Papers“, der auf den Unterlagen aus dem Nachlass von Ursula Kuppenheim basiert. Die vor Ort geführten Gespräche sollen in eine weitere, siebte Folge einfließen, die sich auch mit der Spur nach Telgte und mit der Begegnung zwischen den Familien beschäftigt. Für Taylor fühlte sich dieser Tag an, als erreiche er „das Ende einer langen Straße“.

Denn hinter dem Foto steht eine Geschichte, die tief in die Verfolgung jüdischer Familien während der NS-Zeit hineinführt. Ursula Kuppenheim war evangelisch getauft, doch ihre jüdischen Vorfahren machten sie im nationalsozialistischen Denken zur Ausgegrenzten. Für Ursula bedeutete dies, dass sie sich im eigenen Land verstecken musste.
Dass Theresia und Bernhard Janning-Picker, die Eltern von Elisabeth Fockenbrock, das Mädchen damals auf ihrem Kotten aufnahmen, war deshalb weit mehr als eine Geste der Hilfsbereitschaft. Nach Erinnerungen aus der Familie hatte eine Tante das Versteck vermittelt. Wer einem Menschen Schutz gewährte, der nach der Ideologie des NS-Staates verfolgt wurde, handelte gegen ein System, das Ausgrenzung, Denunziation und Gehorsam verlangte. Solche Hilfe konnte auch die Helfenden selbst in Gefahr bringen.
Kotten war ein Ort der Zuflucht
Dass der Kotten der Familie Janning-Picker ein Ort des Schutzes war, zeigt sich auch an einer weiteren Geschichte. Nach Angaben der Familie konnte sich dort zeitweise auch Paul Litten verstecken, ein früherer Landgerichtsdirektor in Münster. Er war 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung degradiert, später zwangsweise pensioniert und im letzten Kriegsjahr zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen worden. Nachdem ihm die Flucht gelungen war, wurde er zunächst von einem Nachbarn, dem Chefarzt des Krankenhauses in Sendenhorst, versteckt. Später half ihm der Telgter Unternehmer August Winkhaus, sich unter falschem Namen und ohne Papiere bis Kriegsende auf dem Kotten zu verbergen.
In der Familie werden Theresia und Bernhard Janning-Picker bis heute als offene, zugewandte und hilfsbereite Menschen beschrieben, die sich selbst nicht in den Vordergrund stellten. Ihr katholischer Glaube habe ihr Leben geprägt, ebenso die besondere Wallfahrtsgeschichte Telgtes. Eine Angehörige fasste diese Haltung an diesem Tag in einem schlichten Satz zusammen: „Wo Hilfe gebraucht wurde, wurde geholfen.“
Riskante Entscheidung
Gerade in dieser Schlichtheit liegt die Kraft der Geschichte. Sie zeigt, dass es auch in der nationalsozialistischen Diktatur Handlungsspielräume gab und dass Menschen Entscheidungen trafen, obwohl diese Entscheidungen riskant sein konnten. Es gab Anpassung, Schweigen und Wegsehen. Aber es gab auch Menschen, die sich der Logik des Systems nicht unterwarfen und Verfolgten Schutz boten.
Nach dem Besuch an der Wöste führte die Spur am Nachmittag weiter nach Versmold. Dort traf Taylor Elisabeth Fockenbrock, die Frau, die sich nach der Veröffentlichung des Fotos im „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“ gemeldet hatte. Ihr Satz am Telefon hatte der jahrelangen Suche plötzlich eine menschliche Stimme gegeben. In Versmold wurde aus der historischen Spur eine persönliche Begegnung.
Bei der Kartoffelernte hinterhergekrabbelt
Elisabeth Fockenbrock erinnerte sich tatsächlich noch an Ursula Kuppenheim. „Das ist meine Ulla“, sagte sie lebhaft über ihr früheres Kindermädchen, dem sie als kleines Kind bei der Kartoffelernte immer hinterhergekrabbelt sei.
Wieder wurden Fotos betrachtet, Erinnerungen geteilt und Fragen gestellt. Für Taylor war dieses Treffen ein besonderer Moment, weil er nicht nur einem Namen aus der Recherche begegnete, sondern einem Menschen, der als Kind an der Seite seiner Mutter auf jenem Foto festgehalten worden war.
Die Geschichte soll nun weitergetragen werden. Die Dokumente aus dem Nachlass von Ursula Kuppenheim hat Taylor dem Vancouver Holocaust Education Centre übergeben. Dort sollen sie dauerhaft bewahrt, wissenschaftlich erschlossen und für Bildungsarbeit zugänglich gemacht werden. Auch eine Ausstellung ist perspektivisch denkbar. Neben dem Podcast arbeitet Taylor an einem Buch über die Geschichte seiner Familie. Der Arbeitstitel lautet „Exile Diaries“.
Weg führte ins Exil
Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die Erfahrung des Exils: zunächst das Exil im eigenen Land, in dem Ursula Kuppenheim als evangelisch getauftes Mädchen mit jüdischen Vorfahren im nationalsozialistischen Deutschland ausgegrenzt, bedroht und zum Verstecken gezwungen wurde. Ihr Vater Felix Kuppenheim floh bereits 1940 nach Ecuador, wo er 1941 ankam, während Ursula zunächst weiterhin ohne ihn in Deutschland leben musste. Später führte auch ihr eigener Weg ins Exil, unter anderem nach Ecuador und Kanada.
Als Taylor an diesem Tag auf Menschen traf, deren Familie seiner Mutter Schutz gewährt hatte, schloss sich ein Kreis, ohne dass die Geschichte damit abgeschlossen wäre. Aus einzelnen Dokumenten war eine Erzählung geworden, aus einem rätselhaften Bild eine Verbindung zwischen Familien und Generationen. Am 30. Juni kam es für Timothy Taylors nach jahrelanger Suche in der Wöste in Telgte zu einem der bewegendsten Höhepunkte. Oder, wie es an diesem Tag formuliert wurde: „Erinnerung braucht Zukunft – und Zukunft braucht Erinnerung.“
Westfälische Nachrichten, Ausgabe Telgte, 11.7.2026 – Moritz Erd
