Opfer des Nationalsozialismus

Familie
Jakob Auerbach

Familie Jakob Auerbach

Jakob Auerbach wur­de 1874 gebo­ren. Er über­nahm von sei­nem Vater Mendel den Viehhandel und das Geschäft als Metzger an der Steinstraße 4. Als geach­te­ter Telgter Bürger gehör­te er vie­len Vereinen an. Aus sei­ner Ehe mit Jeanette Berger gin­gen drei Söhne her­vor, Erich 1922, Alfred 1923 und Kurt 1926. Zur Familie gehör­te auch Fanny, die unver­hei­ra­te­te Schwester des Vaters.

Familie Jakob Auerbach im Hof

Familie Jakob Auerbach im Hof, Steinstraße 4
(v. l.) Erich, Jakob, Kurt, Jeanette, Alfred, Tante Fanny

Mit sei­ner Familie geriet er eben­falls in den Strudel der anti­se­mi­ti­schen Gewalttaten und ver­lor sei­nen gan­zen Besitz. Nach dem Zwangsverkauf sei­nes Hauses im November 1938 konn­te er mit sei­ner Familie noch ein Jahr in sei­ner Wohnung blei­ben. Sein Vetter Hermann Auerbach nahm ihn dann auf. Schon 1940 muss­te des­sen Haus geräumt wer­den und als Obdachloser wur­de er 1940 in einer pri­mi­ti­ven Waldhütte in den Klatenbergen unter­ge­bracht. Seine Frau war die­sen Strapazen nicht gewach­sen und starb am 25. Juni 1940 in Münster. Schließlich muss­te er mit sei­nem Sohn Kurt und der Schwester Fanny am 9. Januar 1941 Telgte ver­las­sen und nach Wuppertal zie­hen. Der Bürgermeister Arensmeyer mel­de­te Telgte als »juden­frei«.

Der ältes­te Sohn Erich wur­de aus dem Jugendlager in Paderborn, in dem er auf eine Auswanderung nach Palästina vor­be­rei­tet wer­den soll­te, am 1. März 1943 nach Auschwitz depor­tiert. Nach den Strapazen eines 600 km lan­gen Todesmarsches starb er am 4. Mai 1945 in Dörnhau. Jakob, Fanny und Kurt wur­den von Düsseldorf aus im Oktober 1941 in das Getto Lodz depor­tiert, das sie nicht über­lebt haben. Der Sohn Alfred konn­te 1939 als ein­zi­ger der Familie nach Palästina aus­wan­dern.

In Interviews mit Schülern hat Alfred Auerbach 1988 von
seinem Leben und dem der Familie berichtet.

Wir bitten Sie, uns von ihrer Familie zu erzählen. Wie lange lebte sie schon in Telgte und wovon hat sie gelebt? Wie war das Zusammenleben mit den Telgtern bis zum Beginn der NS-Zeit?

Das sind vie­le Fragen auf ein­mal. Ich will ver­su­chen, sie zu beant­wor­ten. Wir wohn­ten in dem Haus an der Steinstraße 4. Schon mein Urgroßvater ist in die­sem Haus gebo­ren. In alten Urkunden wird ein Salomon Auerbach erwähnt, der zu unse­ren Vorfahren zählt. Wir sind also eine alt­ein­ge­ses­se­ne Telgter Familie. Seit etwa 1740 wur­de der klei­ne Fachwerkbau auf unse­rem Hof als Synagoge und Schule genutzt. Meine Vorfahren gehör­ten mit zum Synagogenvorstand der Telgter Gemeinde.

Unsere Familie hat­te einen durch­ge­hen­den Besitz bis zur Emsstraße mit Scheune, Schlachthaus und einem Wohnhaus, das an die Familie Nölkenbockhoff ver­mie­tet war. Gegenüber wohn­ten die Familien Hansen und Homoet, mit denen wir eine gute Nachbarschaft hat­ten. Wir hat­ten einen Laden mit einem Schaufenster zur Steinstraße hin. In Ostbevern hat­ten wir eine klei­ne Filiale, in der wir am Sonntagmorgen Fleisch ver­kauft haben. Ich bin mit mei­nem Vater oft mit Pferd und Wagen dort­hin gefah­ren. Meine Eltern waren in ver­schie­de­nen Telgter Vereinen, und ich hat­te vie­le Freunde, mit denen ich spiel­te. Mein bes­ter Freund war Christian Homoet, der im Krieg gefal­len ist. 1929 bin ich in die Telgter Volksschule gekom­men. Außer mir war noch ein jüdi­scher Mitschüler, Hans Mildenberg, in der Klasse von Lehrer Sube, des­sen Vater bei den drei Brüdern Auerbach ange­stellt war; das waren Cousins mei­nes Vaters.

Alfred, Jakob und Kurt, Steinstraße

Alfred, Jakob und Kurt, Steinstraße 4

Hat es in den ersten vier Schuljahren bis 1933 keine Probleme gegeben?

Nein! Wir blie­ben beim Morgengebet vor der Klassentür, und am Sabbat hat­ten wir frei, eben­so beim Religionsunterricht. Sonst gab es kei­ne Unterschiede. Da in Telgte die Anzahl der Männer für einen Gottesdienst nicht reich­te – es müs­sen zehn anwe­send sein – nah­men wir am Gottesdienst in der Synagoge von Münster teil. Meine Familie war sehr reli­gi­ös und hielt sich an die Gesetze unse­rer Religion. Ich kann euch ver­si­chern, bis 1933 hat­te ich eine fro­he und unbe­schwer­te Kindheit.

Hat sich ihr Leben nach dem 30. Januar 1933, der Machtergreifung Hitlers, schlagartig geändert? Begannen sofort die Hetze und Demütigungen durch die Nazis?

Die Nazis hat­ten es in Telgte zuerst schwer. Es gab mehr gute Menschen als schlech­te, und ich bin froh, dass ich mich heu­te im Jahre 1988 mehr an die guten als an die schlech­ten erin­ne­re. Zunächst spür­ten wir den Hass noch nicht so stark. Es kam vor, dass mir Schimpfworte nach­ge­ru­fen wur­den. Am 1. April 1933 stan­den vor unse­rem Geschäft SA-Männer, die kei­ne Kunden hin­ein­lie­ßen und zum Boykott auf­rie­fen. Bei den sonn­täg­li­chen Aufmärschen der SA wur­den Hetzlieder gesun­gen und Verwünschungen gebrüllt. Am Anfang muss­te ich sogar bei der HJ mit­mar­schie­ren.
In der Schule hat­ten wir fana­ti­sche Lehrer, die uns schi­ka­nier­ten. Stellt euch vor: Plötzlich dre­hen dir alle den Rücken zu, kei­ner spricht mehr mit dir. Wenn etwas pas­sier­te, waren wir die Schuldigen. Keiner will mehr etwas mit dir zu tun haben; du bist voll­kom­men iso­liert. Ein Klassenkamerad hat sogar sei­nen eige­nen Vater ange­zeigt, weil er mit mei­nem Vater gespro­chen hat. Wer Kontakt mit uns hat­te, wur­de ange­zeigt, aufs Amt bestellt und ver­warnt.
Die letz­ten vier Jahre bis zur Schulentlassung 1937 waren für mich sehr schwer. Mein jün­ge­rer Bruder Kurt muss­te die Schule ver­las­sen und nach Münster zur jüdi­schen Schule fah­ren. Ich hat­te ein gutes Zeugnis und bekam trotz­dem kei­ne Lehrstelle.

Was haben Sie denn nach der Volksschule gemacht? Haben Sie zu Hause mitgearbeitet?

Nein! Unser Geschäft war sehr zurück­ge­gan­gen. Kaum ein Bauer ver­kauf­te mei­nem Vater noch Vieh. Es kamen immer weni­ger Kunden. Unsere Hausgehilfin Frau Binnebösel brach­te treu­en Kunden abends unbe­merkt Ware ins Haus. Ich muss­te mir also eine Arbeit suchen, denn eine beruf­li­che Ausbildung war unmög­lich, da »ari­sche« Betriebe kei­ne Juden nah­men und jüdi­sche Betriebe geschlos­sen wur­den!
Um nicht in ein Zwangsarbeiterlager zu kom­men, habe ich mich als Vierzehnjähriger beim Arbeitsamt in Münster gemel­det. Ich muss­te als Hilfsarbeiter beim Tief- und Straßenbau so schwer arbei­ten wie ein Erwachsener.

Jakob und Alfred Auerbach

Jakob und Alfred Auerbach auf der Kutsche in Ostbevern

Wie haben Sie die Pogromnacht am 9./10. November 1938 erlebt? Was ist in Telgte passiert?

In die­ser Nacht wur­de bei uns die Haustür auf­ge­bro­chen. Unten war unser Geschäft. Das Schaufenster wur­de kaputt geschla­gen. Im Laden wur­de die gan­ze Einrichtung zer­stört und mit den Waren auf die Straße geschmis­sen. Dann sind sie nach oben ins Schlafzimmer der Eltern gekom­men und haben sie geschla­gen. Alles hat man ver­wüs­tet. Nach der Zerstörung gin­gen die Uniformierten aus dem Haus und zur Synagoge und haben die­se zer­stört. Die Thorarollen wur­den auf die Erde geschmis­sen und beschmutzt. Es war alles schreck­lich, das ist kaum zu schil­dern. Ich woll­te mit mei­nem älte­ren Bruder die hei­li­gen Thorarollen ret­ten, die ver­un­rei­nigt wor­den waren. Da war der­je­ni­ge, der die Synagoge ange­zün­det hat, in Feuerwehruniform drin. Er war besof­fen. Er hat­te zwei Benzinkanister in den Händen. Mich hat er dann mit Benzin begos­sen. Wenn wir nicht gleich raus­ge­rannt wären, dann wären wir lebend ver­brannt.

Am nächs­ten Tag kamen erneut Uniformierte und Zivilpersonen zu unse­rem Haus und woll­ten mei­nen Vater tot­schla­gen. Das Haus wur­de vor­her umstellt. Ich bin dann mit mei­nem Vater durch den klei­nen Weg zwi­schen den Häusern hin­durch­ge­gan­gen und habe ihn bis zur Emsbrücke beglei­tet. Dann hat mich mein Vater zurück­ge­schickt mit der Bitte, auf mei­ne Mutter und Geschwister zu ach­ten. Ich kam uner­kannt ins Haus zurück. Die Nazis haben uns dann aus dem Haus auf den Hof geschickt, um das Haus nach Waffen und nach mei­nem Vater zu durch­su­chen. Mit Messern wur­den Kissen, Bettzeug und auch die Kleider in den Schränken durch­sto­chen. Mein Vater fand Unterkunft bei guten Freunden in Telgte, der Familie Westhues. Hier wur­de er ver­steckt gehal­ten.

Alfred Auerbach

Alfred Auerbach

Sie haben als einziger Ihrer Familie 1939 auswandern können. Wie haben Sie das erreicht?

Man bekam nur dann eine Ausreiseerlaubnis, wenn man von einem ande­ren Land eine Einreiseerlaubnis erhal­ten hat­te. Ich war in das Vorbereitungslager Schniebinchen in Schlesien gekom­men, und die­se Organisation besorg­te ein Visum für das dama­li­ge Palästina, das Mandatsgebiet der Engländer war. Dann wur­de geprüft, ob man Steuerschulden hat­te oder sonst ein Vergehen vor­lag, außer Jude zu sein. Wenn die­se Prüfung der Behörden und der Gestapo abge­schlos­sen war, erhielt man die Ausreisegenehmigung. Meine Eltern und mei­ne Brüder haben kei­ne erhal­ten. So habe ich als ein­zi­ger mei­ner Familie ein Visum für Palästina erhal­ten.

Alfred Auerbach (Mitte) Lager Schneebinchen

Alfred Auerbach (Mitte) Lager Schneebinchen

Gebetbuch mit einer Widmung von Jeanette Auerbach

Gebetbuch mit einer Widmung von Jeanette Auerbach: »Dir, lie­ber Alfred, sei die­ses Gebetbuch gewid­met von dei­nen dich innig lie­ben­den Eltern. Bete oft und innig. TeIgte, 21.8.1939«

Wie verlief Ihre Auswanderung? Sind Sie allein gefahren oder in einer Gruppe?

Am 21. August 1939 habe ich Telgte ver­las­sen. Ich durf­te 10 RM mit­neh­men, und die hat man mir in Italien noch gestoh­len, so dass ich ganz mit­tel­los war.
Sonst hat­te ich nur einen klei­nen Koffer mit den not­wen­digs­ten Sachen dabei und eini­ge Erinnerungen an die Familie und an TeIgte: Fotos, mein Zeugnis, ein Gebetbuch mit einer Widmung mei­ner Mutter: »Dir, lie­ber Alfred, sei die­ses Gebetbuch gewid­met von dei­nen dich innig lie­ben­den Eltern. Bete oft und innig. TeIgte, 21. 8. 1939«

Ich bin dann durch Österreich, Jugoslawien nach Triest gefah­ren und am 23. 8. im Hafen ange­kom­men. Am Grenzübergang Villach wur­de mir mei­ne Kennkarte, mein deut­scher Ausweis mit dem ein­ge­stem­pel­ten J für Jude abge­nom­men. Wir bestie­gen das Schiff »Galiläa«. Die Überfahrt, die nor­ma­ler­wei­se 4 1/2 Tage dau­ert, zog sich über drei Wochen hin, weil bei der dro­hen­den Kriegsgefahr nicht klar war, wie sich Italien ver­hal­ten wür­de, ob es auf Seiten Deutschlands in den Krieg ein­tre­ten wür­de. Dann fuhr das Schiff los ent­lang der Küste Jugoslawiens, Griechenlands, an Rhodos vor­bei mit Ziel Tel Aviv.
Das Essen auf dem Schiff war sehr schlecht. Man hat­te nicht mit die­ser lan­gen Fahrt gerech­net, und so gab es tage­lang mit­tags eine dün­ne Suppe. Wir durf­ten nir­gend­wo an Land gehen. Ich möch­te kei­nem von euch wün­schen, so etwas zu erle­ben. Wir kamen an einem Sabbat in Tel Aviv an. Es war das ers­te Mal, dass im Hafen von Tel Aviv an einem Sabbat gear­bei­tet wur­de. Aber jetzt galt nicht das Gesetz der Sabbatruhe als man unser Elend und Leid sah.

Alfred Auerbach in Israel

Alfred Auerbach in Israel, Arbeit auf einem Bauernhof

Am 9. September 1939 begann sein Leben in Palästina. Der Anfang war schwer. Alfred war erst 16 1/2 Jahre alt, kann­te dort nie­man­den und war ganz auf sich allei­ne gestellt. Das Land war ihm fremd, er kann­te die Sitten und Gebräuche nicht, und die Sprache beherrsch­te er auch nicht. Unterkunft fand er bei einer jüdi­schen Familie in der bäu­er­li­chen Siedlung »Kfar Chajim«. Er muss­te im Kuhstall schla­fen – aber er war frei und in Sicherheit. Seine Gedanken waren das ein­zi­ge, was ihn noch mit Deutschland ver­band. Auf Umwegen über einen Verwandten in den USA erfuhr er erst ein Jahr spä­ter vom Tode sei­ner Mutter. Immer leb­te er in der Angst um sei­ne Angehörigen. Erst nach dem Krieg wur­de ihm nach und nach bekannt, dass alle ein Opfer des Holocaust gewor­den waren.