Opfer des Nationalsozialismus

Familie Siegfried
Mildenberg

1930 Handorf, Henriette Mildenberg mit den Kindern der Familien Max und Hermann Auerbach

Sieg­fried Mildenberg wur­de 1888 in Lengerich gebo­ren. Sein Vater war Viehhändler und Metzger. Gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges wur­de Siegfried als Soldat ein­ge­zo­gen und kehr­te im Dezember 1918 nach Hause zurück. Knapp zwei Jahre spä­ter hei­ra­te­te er Henriette Jacobs aus Lathen (Emsland). Zunächst blie­ben sie in Lengerich. Dort wur­de im Dezember 1921 ihr Sohn Hans gebo­ren.

Im Mai 1928 zog Siegfried mit Frau und Kind nach Telgte. Sie fan­den eine Unterkunft in der Bahnhofstr. 14 bei Hermann Auerbach. Der gab Siegfried auch Arbeit als Viehhändler in sei­nem Betrieb. Mehrere Male wech­sel­te die klei­ne Familie ihre Wohnung in Telgte.

1930 Handorf, Henriette Mildenberg mit den Kindern der Familien Max und Hermann Auerbach

(3. v. l.) Henriette Mildenberg

Fotos zei­gen, dass es eine Zeit des fried­li­chen Zusammenlebens in Telgte gege­ben hat: Vater Siegfried im Männergesangverein und auf der Telgter Rennbahn, Sohn Hans in der Schulklasse am Baßfeld und in der Freizeit, zusam­men mit jüdi­schen und nicht­jü­di­schen Kindern.

Männergesangsverein Liedertafel

Siegfried Mildenberg (2. Reihe, links außen) im Kreis des Männergesangsvereins Liedertafel

Telgter Rennbahn

Siegfried Mildenberg (4. v. l.) auf der Telgter Rennbahn

Hans Mildenberg Volksschule Telgte

Von 1928 bis 1936 besuch­te Hans Mildenberg die Volksschule Telgte. Er sitzt in der 3. Reihe ganz links, Lehrer Gerling im Hintergrund

Sommer 1930

Hans Mildenberg (Bildmitte) im Kreise der Auerbach-Kinder und deren nicht­jü­di­scher Freundinnen

Seit Beginn des NS-Regimes 1933 wur­de es für Hermann Auerbach, Siegfrieds Arbeitgeber, immer schwe­rer, sei­nen Betrieb auf­recht­zu­er­hal­ten. Durch fort­lau­fend ein­schrän­ken­de und dis­kri­mi­nie­ren­de Erlasse und Verordnungen war das Geschäft sehr zurück­ge­gan­gen. Aber er ver­such­te, sei­ne drei Angestellten, dar­un­ter Siegfried Mildenberg, wei­ter zu beschäf­ti­gen.

Pflegekind Karl-Heinz Steinhardt

Trotz der sehr beschei­de­nen Verhältnisse, in denen die Mildenbergs leb­ten, nah­men sie den vier­jäh­ri­gen Karl-Heinz Steinhardt bei sich als Pflegekind auf. Von dem klei­nen Jungen gibt es kein Bild, nur wenig ist von ihm bekannt: Er wur­de am 11. Juli 1934 in Bremen gebo­ren. Seine jüdi­sche Mutter, Ida Steinhardt, war Krankenschwester, sein Vater unbe­kannt. Er hat­te zwei Schwestern: Rita und Marianne.
Am 1. Juni 1938 brach­te die Mutter den knapp Vierjährigen zu einer älte­ren Bekannten, bei der bereits die Schwestern leb­ten. Grund war ihr am 5. Juni ablau­fen­der Fremdenpass. Die Mutter tauch­te unter. Vier Jahre spä­ter, am 28. Mai 1942, mel­de­te das KZ Ravensbrück ihren Tod. Die älte­re Bekannte sah sich nicht imstan­de, drei Kinder auf Dauer auf­zu­neh­men. Sie ver­trau­te Karl-Heinz frem­den Juden in der Hoffnung an, dass sie aus­rei­sen und ihn ins Ausland mit­neh­men wür­den. Und so kam das Kind im September 1938 zu den Mildenbergs nach Telgte.

Karl-Heinz Steinhardt

Denkmal der aus Hannover depor­tier­ten Juden auf dem Opernplatz in Hannover mit dem Namen Karl-Heinz Steinhardt (Foto: Klaus Beck)

Reichspogromnacht

Aber auch hier, in ihrer letz­ten Wohnung in der Königstraße 43 – über der Telgter Synagoge – konn­te die Familie nicht hei­misch wer­den: Am 10. November 1938 wur­den Synagoge und Wohnung voll­stän­dig demo­liert und nie­der­ge­brannt. Die Familie erleb­te bru­ta­le Gewalt vom Ortsgruppenleiter und von SA-Männern aus Münster. Nachmittags stan­den Schulkinder auf der Straße, war­fen die Fensterscheiben ein und betei­lig­ten sich an der Zerstörung des Hauses. Fünf Jahre Hetze und Propaganda gegen die Juden zeig­ten hier ihre Wirkung.

Die Familie flüch­te­te zu Hermann Auerbach in die Bahnhofstraße und ließ sich in der Öffentlichkeit kaum noch sehen. Siegfried bean­trag­te im Dezember 1938 eine Ausreisegenehmigung. Er woll­te mit Frau und Pflegekind nach Kuba oder Palästina aus­zu­wan­dern. Auch für Sohn Hans wur­de ein Ausreiseantrag nach Palästina gestellt. In bei­den Fällen wur­de die Genehmigung erteilt. Der 17-jäh­ri­ge Hans wan­der­te tat­säch­lich laut Aktenvermerk am 30. 1. 1939 aus.

Heimatlosigkeit und Deportation

Den übri­gen drei Familienmitgliedern ist es nicht mehr gelun­gen, das Land zu ver­las­sen. Vermutlich reich­te das Geld nur für die Kosten einer ein­zi­gen Auswanderung. Belegt ist jeden­falls, dass sie sich am 1.6.1939 am Telgter Amt abge­mel­det haben und nach Ahlem/Hannover in die Israelitische Gartenbauschule gezo­gen sind. Diese in den 1890er Jahren von einem jüdi­schen Bankier gegrün­de­te Schule soll­te bedürf­ti­gen jüdi­schen Kindern Anleitungen zum Handwerk und zur Bodenkultur ver­mit­teln. Sie war lan­ge Zeit eine Insel der rela­ti­ven Ruhe und Unbeschwertheit, wenn man Schilderungen von Absolventen die­ser Einrichtung glau­ben darf. Zu hof­fen ist, dass Karl-Heinz als Kind dort noch eini­ge unbe­schwer­te Stunden erlebt hat. In den letz­ten Jahren wur­de aller­dings unter immer schwe­rer wer­den­den Bedingungen das Ziel ver­folgt, die Schüler auf die Auswanderung vor­zu­be­rei­ten. Ende Oktober 1941 schloss die Gestapo das Internat. Von Dezember 1941 an wur­den die Gebäude – jeweils vor den Deportationen – als Sammellager genutzt.

Die letz­te und schreck­lichs­te Etappe ihres Lebensweges kam mit dem 15. Dezember 1941 auf die Familie zu: Mit der ers­ten gro­ßen Deportation von Hannover aus wur­de sie mit dem Zug nach Riga ver­schleppt, wo sie alle drei – Siegfried, Henriette und der klei­ne Pflegesohn – laut dem »Gedenkbuch der Opfer der Verfolgung der Juden unter natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945« ver­schol­len sind. Entweder star­ben sie schon an den Folgen der grau­sa­men Zustände im Ghetto, oder sie wur­den wie so vie­le ande­re Opfer im Wald von Bikernieki, dem zen­tra­len Erschießungsort von Riga, erschos­sen. Im September 1959 wur­den sie auf Beschluss des Amtsgerichts Hannover für tot erklärt.

Telgte 2004

Auf eine Nachfrage beim Staatsarchiv Bremen erhiel­ten die Teilnehmer eines Religionskurses des Telgter Gymnasiums die Nachricht, dass Karl-Heinz Steinhardts Schwestern Rita und Marianne den Holocaust über­lebt hat­ten. Die Schwester Marianne zeig­te sich tief erschüt­tert, da sie bis­lang geglaubt hat­te, dass ihrem Bruder die Ausreise nach Amerika gelun­gen sei. Am 15. Dezember 2004 nahm sie mit ihrer Tochter an der fei­er­li­chen Verlegung des Erinnerungssteins für Karl-Heinz Steinhardt vor dem Eingang des Gymnasiums teil.

Gedenkstein Karl-Heinz Steinhardt

Bildmitte: Karl-Heinz Steinhardts Schwester Marianne bei der Verlegung des Gedenksteins am Maria-Sibylla-Gymnasiums

Sohn Hans

Dem Sohn Hans gelang es, eine neue Existenz im dama­li­gen Palästina auf­zu­bau­en. Zunächst fand er Arbeit in einem Kibbuz, wur­de dann Soldat in der bri­ti­schen Armee und erlitt eine Verwundung bei den Kämpfen auf der Insel Kreta. Seine Frau Fritzi lern­te er beim bri­ti­schen Militär ken­nen, wo sie als Sekretärin arbei­te­te. Sie hei­ra­te­ten, und aus der Ehe gin­gen zwei Söhne her­vor: Meir und Rafi. Hans erfuhr erst nach dem Krieg, dass sei­ne Eltern nach Riga depor­tiert und dort umge­kom­men sind.
Später – nach Gründung des Staates Israel 1948 – gehör­te Hans der israe­li­schen Armee an, die er 1961 als hoch­ran­gi­ger Offizier ver­ließ. Er enga­gier­te sich im Sport und war Ehrensekretär beim natio­na­len Fußball-Schiedsrichterverband.
Viel zu früh ver­starb er an Lungenkrebs – mit nur 43 Jahren im Jahre 1964. Seine Söhne waren erst 13 und 10 Jahre alt.

Hans und Fritzi Mildenberg

Hans und Fritzi Mildenberg in Israel mit Sohn Rafi

Hans Milbenberg Israel

Hans Milbenberg (rechts) Ehrensekretär im natio­na­len Fußball-Schiedsrichterverband

Hans Milbenberg als Oberst der israelischen Streitkräfte

Hans Milbenberg als Oberst der israe­li­schen Streitkräfte