Kreisheimat- und Geschichtsverein Beckum-Warendorf würdigt Forschung zur jüdischen Geschichte – Festvortrag „400 Jahre jüdische Frauen in Telgte“
Am 10. Oktober 2026 erhielt Dr. Barbara Elkeles im neuen Haus der Musik und der Begegnung in Telgte den Forschungspreis des Kreisheimat- und Geschichtsvereins Beckum-Warendorf. Rund 70 geladene Gäste waren gekommen, um die Preisträgerin zu ehren. Musikalisch begleitete Rieke Erd, Zehntklässlerin des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums, die Preisverleihung souverän am Flügel.

Foto: Bernd Pohlkamp/Westfälische Nachrichten
Dank für den Einsatz gegen das Vergessen
Bürgermeisterin Katja Behrendt begrüßte die Gäste; sie dankte Barbara Elkeles für ihre wichtige Forschungsarbeit und für ihren Einsatz gegen das Vergessen. Eine Veranstaltung wie diese Preisverleihung, so die Bürgermeisterin, passe ausgezeichnet in das neue Haus der Begegnung.
Landrat Dr. Olaf Gericke schloss sich den Glückwünschen an und teilte die Freude über die Auszeichnung. Entschieden wandte er sich gegen jede Form von Antisemitismus. Jüdische Geschichte dürfe niemals allein als Geschichte der NS-Zeit verstanden werden; sie habe die Kultur eines ganzen Landes geprägt. Um diese Kultur habe Barbara Elkeles sich in besonderer Weise verdient gemacht.
Kompetente Ansprechpartnerin und „Power-Userin“ des Kreisarchivs
Dr. Knut Langewand, Leiter des Kreisarchivs Warendorf und Vorsitzender des Kreisheimat- und Geschichtsvereins, erläuterte zunächst, wie der Preis vergeben wird. Im jährlichen Wechsel verleihe der Verein einen Nachwuchspreis für Schülerarbeiten, Magisterarbeiten und Promotionen und einen Forschungspreis. Dieser gehe an Laienhistorikerinnen und Laienhistoriker, die sich intensiv mit der Lokal- und Regionalgeschichte befasst hätten.
Mit großer Anerkennung würdigte Langewand die ehrenamtliche Arbeit der Preisträgerin. Als Beispiel nannte er die Ausstellung zur sogenannten „Euthanasie“. Diese Ausstellung im Rochus-Hospital in Telgte habe auf beeindruckende Weise an die nationalsozialistische „Aktion T4“ und die Ermordung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ erinnert und ermahnt, nie wieder solches Denken und Tun zuzulassen. Im Kreisarchiv Warendorf sei Barbara Elkeles seit Jahren die kompetente Ansprechpartnerin für die jüdische Geschichte des Kreises. Mit einem Augenzwinkern bezeichnete er Elkeles als die „Power-Userin“ des Kreisarchivs. Ihre Forschungen zur jüdischen Geschichte in Telgte und im Kreisgebiet seien erstaunlich breit gefächert und immer von Neuem beeindruckend.
Besonders hob Langewand den unermüdlichen Einsatz der Preisträgerin für die Alte Synagoge in Telgte hervor. Sie habe sich für die bauliche Sicherung des Gebäudes eingesetzt, bis es 2023 endlich wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Ebenso habe sie die Geschichte der Synagoge und der jüdischen Gemeinde in die Stadtgesellschaft Telgtes und in die Schulen getragen und tue das weiterhin voller Elan und Kompetenz.
Das Preisgeld von 1.500 Euro habe die Sparkasse Münsterland Ost gestiftet, wofür Langewand im Namen des Vereins besonders dankte. Barbara Elkeles wolle es vollständig für ein Buchprojekt verwenden, eine Monografie über die Alte Synagoge in Telgte. Das sei eine gute Nachricht für alle, denen dieser besondere Ort am Herzen liegt.
„Von einer Frau hängt alles ab“
Im Anschluss zog die Preisträgerin das Publikum mit einem Vortrag über ihre jüngsten Forschungen in ihren Bann. Unter dem Titel „Von einer Frau hängt alles ab – 400 Jahre jüdische Frauen in Telgte“ erzählte sie von jüdischer Lokalgeschichte aus Frauenperspektive.
Über vier Jahrhunderte hätten jüdische Frauen in Telgte Spuren hinterlassen. Ihre Beispiele zeigten, wie vielfältig jüdisches Leben gewesen sei. Darunter seien auch „recht akzentuierte Charaktere“ gewesen. Nicht immer sei ihr Verhalten vorbildlich gewesen, und manche seien sogar innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu Außenseiterinnen geworden. Dieses Wissen, so Elkeles, könne uns heute vielleicht vor pauschalem Gruppendenken gegenüber Menschen aus anderen Kulturen und Religionen bewahren.
Die Bedingungen des Zusammenlebens mit der Mehrheitsgesellschaft hätten immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. Die jüdische Bevölkerung habe dabei „keinesfalls durchweg die Rolle einer passiven unterdrückten Minderheit“ eingenommen. Sie habe ihre Rechte genau gekannt und ihre Handlungsspielräume ausgelotet. Neben Familien, die oft über viele Generationen am Ort ansässig waren, habe es auch andere gegeben. Manche mussten aus Armut schon sehr jung als Mägde dienen, andere zogen ohne festen Wohnsitz über Land. „Ihr Elend war oft grenzenlos“, sagte die Referentin.
Die vielfältigen Berührungspunkte hätten Chancen für eine kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung geboten. Zugleich hätten sie Angriffsflächen für Konflikte geschaffen, ähnlich wie heute. Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Abgrenzung hätten sich Menschen jüdischer Herkunft zu allen Zeiten gestellt. So gehe es heute vielen Menschen in einer offenen, multikulturellen Gesellschaft. Bis weit ins 19. Jahrhundert habe die Taufe den Bruch mit der jüdischen Familie und den Verlust der sozialen Identität bedeutet. Auch dafür gebe es Beispiele in Telgte.
Nach 1933 sei dieses jahrhundertelange Zusammenleben mit einer Konsequenz ausgelöscht worden, die „nach wie vor Entsetzen“ auslöse. Menschen, deren Familien zum Teil seit sechs Generationen in Telgte lebten, wurden vertrieben und auf grausame Weise ermordet. Auch jüdische Frauen, die durch eine sogenannte Mischehe vor der physischen Vernichtung bewahrt blieben, seien mit ihren Familien vielfältiger Verfolgung ausgesetzt gewesen. Auch daran erinnere die Geschichte von vierhundert Jahren jüdischer Frauen in Telgte.
Nach der Preisverleihung und dem fesselnden Vortrag der Preisträgerin blieben die Gäste gern bei einem kleinen Sektempfang zusammen und tauschten sich lebhaft über das Gehörte aus. Der Verein Erinnerung und Mahnung gratuliert Barbara Elkeles herzlich zu dieser Auszeichnung und freut sich auf die angekündigte Monografie zur Alten Synagoge.
