In diesem Jahr feiert der Verein „Erinnerung und Mahnung Telgte“ sein 25jähriges Bestehen.
Dieses Jubiläum fällt mit einem besonderen Ereignis zusammen: Im September 2023 wurde die Restaurierung der „Alten Synagoge“ in der Emsstraße abgeschlossen. Das Gebäude ist nun im Rahmen von Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich.
Beide Ereignisse möchten wir mit einer besonderen Veranstaltung feiern: Dafür konnten wir das Ensemble „mendels töchter“ gewinnen, das sich seit vielen Jahren dem Erbe des deutsch-amerikanischen Synagogenmusikers Erich Mendel / Eric Mandell widmet. Die Musikerinnen halten damit das Gedächtnis an einen jüdischen Kantor wach, der aus Gronau stammte und von 1922 bis 1939 in Bochum wirkte. Nach seiner erzwungenen Emigration in die USA wirkte er als Chordirektor an der Har-Zion-Synagoge und als Leiter der Kantorenausbildung am Gratz-College in Philadelphia. Er trug eine der weltweit größten Sammlungen synagogaler Musik zusammen.
Die Musikerinnen stellen in wechselnden Besetzungen die Werke Erich Mendels / Eric Mandells vor, dazu Musik, die sie – inspiriert von seinen Melodien – selbst geschaffen haben. – Pfarrer em. Dr. Manfred Keller, Biograph von Mendel / Mandell, moderiert das Konzert und gibt Einblicke in Leben und Werk dieses bedeutenden Vertreters synagogaler Musik.
Wir danken der Evangelischen Gemeinde Telgte, dass wir die Veranstaltung in der Evangelischen Petruskirche Telgte durchführen dürfen.
Der Eintritt ist frei, am Ausgang wird um eine Spende zur Deckung der Unkosten gebeten.
Timothy Taylor besuchte nach jahrelanger Spurensuche den Ort, an dem seine Mutter Ursula Kuppenheim vor NS-Verfolgung versteckt wurde. In der Wöste kam es zu einem außergewöhnlichen Treffen.
In der Wöste, wo am 30. Juni eine besondere Begegnung stattfand, erinnert heute äußerlich kaum noch etwas an den Kotten, der hier einst stand. Auf dem Gelände der früheren Hofstelle befindet sich inzwischen die Takko-Hauptverwaltung. Für den eigens angereisten kanadischen Autor, Journalisten und Professor Timothy Taylor war dieser Ort dennoch weit mehr als ein veränderter Schauplatz. Hier hatte seine Mutter Ursula Kuppenheim im letzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkriegs Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung gefunden. Obwohl Ursula Kuppenheim und ihre Familie evangelisch getauft waren, spielte dies für die rassistische Ideologie des NS-Staates keine Rolle: Wegen ihrer jüdischen Vorfahren galt sie nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 als sogenannter „Mischling ersten Grades“ und war damit gefährdet.
Rund 10.000 Seiten Familiennachlass
Dass Taylor diesen Ort überhaupt fand, verdankt er einer jahrelangen Recherche, deren Anfang in einem außergewöhnlichen Familiennachlass lag. Rund 10.000 Seiten mit Briefen, Tagebüchern, Dokumenten und Fotografien waren über Jahrzehnte von seinem Großvater Felix Kuppenheim gesammelt und bewahrt worden. Felix Kuppenheim wurde selbst ins Exil vertrieben. Nach dem Tod seiner Mutter gelangten sie schließlich zu Timothy Taylor. Als sie im Sterben lag, soll sie auf die Kisten gezeigt und Timothys Schwester gebeten haben, die Kisten zu Taylor zu bringen, verbunden mit der Hoffnung, er werde wissen, was damit zu tun sei.
Taylor wusste es zunächst nicht. Doch je tiefer er in die Unterlagen eintauchte, desto deutlicher wurde, dass darin nicht nur eine private Familiengeschichte bewahrt war, sondern ein Zeugnis von Verfolgung, Exil, Überleben und Erinnerung. Was Felix Kuppenheim über Jahrzehnte aufgehoben hatte, wurde für Taylor nach und nach zu einem Auftrag – ja zu einem Teil seines Lebenswerkes.
Spur führt nach Telgte
Aus diesem Vermächtnis erwuchs eine sechs- bis siebenjährige Nachforschung, in der Taylor den Spuren seiner Vorfahren folgte und ihre Geschichte Stück für Stück freilegte. Inmitten der Dokumente fand sich auch ein Foto, das für die Spur nach Telgte besondere Bedeutung bekam: Es zeigte seine Mutter Ursula Kuppenheim als 14-jähriges Mädchen auf einem Kotten im Münsterland, an ihrer Seite ein kleines Kind.
Ein wichtiger Hinweis war die Beschriftung des Fotos, durch die sich die Aufnahme auf das Jahr 1944 datieren ließ. Es stammt also aus jener Zeit, in der Taylor aus den Erzählungen seiner Mutter wusste, dass sie auf Bauernhöfen versteckt gewesen war. Wo die Aufnahme entstanden war und wer das Kind neben Ursula war, blieb lange ungeklärt. Die Suche nach diesem Ort und nach dem Mädchen auf dem Foto führte Taylor durch Briefe und Tagebücher, über verschiedene Kontinente und schließlich von Kanada nach Telgte, einmal um den halben Globus.
Die Suche nach dem Ort der Aufnahme
Dass aus dem Foto schließlich eine konkrete Spur nach Telgte wurde, verdankt Taylor auch der Unterstützung von Dr. Barbara Elkeles vom Telgter Verein „Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte“. Mit Hilfe von Gisbert Strootdrees, Redakteur des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“ und Historiker, der vielfach zum jüdischen Leben im ländlichen Westfalen publiziert hat, konnte das Foto in der Weihnachtsausgabe 2024 des „Landwirtschaftlichen Wochenblattes“ veröffentlicht werden. Gesucht wurden der Ort der Aufnahme und das Kind, das neben Ursula Kuppenheim zu sehen war.
Bereits am Folgetag der Veröffentlichung kam der entscheidende Anruf. „Ich bin das kleine Mädchen auf dem Bild“, sagte die Frau am Telefon. Es war Elisabeth Fockenbrock, geborene Janning-Picker. Sie besaß selbst Abzüge derselben Fotos. Als die Aufnahmen entstanden, war sie etwa anderthalb Jahre alt. Ursula Kuppenheim sei damals für sie so etwas wie ein Kindermädchen gewesen. Damit erhielt das Foto nicht nur einen Namen, sondern auch einen Ort: Die Aufnahme war an einem Kotten der Familie Janning-Picker entstanden, dessen frühere Hofstelle an der Wöste nun zum Ort der Begegnung wurde.
Dort kamen zunächst jene Menschen zusammen, die die Suche nach dem früheren Kotten und dem Mädchen auf dem Foto begleitet hatten oder auf unterschiedliche Weise mit diesem Ort verbunden sind. Anwesend waren Maria Janning-Picker und Cäcilia Janning-Picker, Schwestern von Elisabeth Fockenbrock. Elisabeth selbst traf Taylor später am Tag in Versmold. Auch Sarah Janning-Picker, eine Nichte Elisabeths, war eigens aus Hamburg angereist.
Erinnerungen und Fotoalben
Ebenfalls nahmen Taylors Ehefrau, der kanadische Historiker und Dokumentarproduzent Dr. Anthony Cantor, Dr. Barbara Elkeles sowie Prof. em. Peter Kröner an der Begegnung teil. Kröner, der als letzter noch auf der ursprünglichen Hofstelle gelebt hatte, bevor diese abgerissen wurde, empfing die Gäste an der Wöste und öffnete mit seinen Erinnerungen und Fotoalben einen weiteren Zugang zur Geschichte des Ortes.
Die Begegnung war zugleich Teil einer größeren dokumentarischen Arbeit. Anthony Cantor begleitet Taylor für den Podcast „The Hidden Holocaust Papers“, der auf den Unterlagen aus dem Nachlass von Ursula Kuppenheim basiert. Die vor Ort geführten Gespräche sollen in eine weitere, siebte Folge einfließen, die sich auch mit der Spur nach Telgte und mit der Begegnung zwischen den Familien beschäftigt. Für Taylor fühlte sich dieser Tag an, als erreiche er „das Ende einer langen Straße“.
Denn hinter dem Foto steht eine Geschichte, die tief in die Verfolgung jüdischer Familien während der NS-Zeit hineinführt. Ursula Kuppenheim war evangelisch getauft, doch ihre jüdischen Vorfahren machten sie im nationalsozialistischen Denken zur Ausgegrenzten. Für Ursula bedeutete dies, dass sie sich im eigenen Land verstecken musste.
Dass Theresia und Bernhard Janning-Picker, die Eltern von Elisabeth Fockenbrock, das Mädchen damals auf ihrem Kotten aufnahmen, war deshalb weit mehr als eine Geste der Hilfsbereitschaft. Nach Erinnerungen aus der Familie hatte eine Tante das Versteck vermittelt. Wer einem Menschen Schutz gewährte, der nach der Ideologie des NS-Staates verfolgt wurde, handelte gegen ein System, das Ausgrenzung, Denunziation und Gehorsam verlangte. Solche Hilfe konnte auch die Helfenden selbst in Gefahr bringen.
Kotten war ein Ort der Zuflucht
Dass der Kotten der Familie Janning-Picker ein Ort des Schutzes war, zeigt sich auch an einer weiteren Geschichte. Nach Angaben der Familie konnte sich dort zeitweise auch Paul Litten verstecken, ein früherer Landgerichtsdirektor in Münster. Er war 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung degradiert, später zwangsweise pensioniert und im letzten Kriegsjahr zur Arbeit in einem Steinbruch gezwungen worden. Nachdem ihm die Flucht gelungen war, wurde er zunächst von einem Nachbarn, dem Chefarzt des Krankenhauses in Sendenhorst, versteckt. Später half ihm der Telgter Unternehmer August Winkhaus, sich unter falschem Namen und ohne Papiere bis Kriegsende auf dem Kotten zu verbergen.
In der Familie werden Theresia und Bernhard Janning-Picker bis heute als offene, zugewandte und hilfsbereite Menschen beschrieben, die sich selbst nicht in den Vordergrund stellten. Ihr katholischer Glaube habe ihr Leben geprägt, ebenso die besondere Wallfahrtsgeschichte Telgtes. Eine Angehörige fasste diese Haltung an diesem Tag in einem schlichten Satz zusammen: „Wo Hilfe gebraucht wurde, wurde geholfen.“
Riskante Entscheidung
Gerade in dieser Schlichtheit liegt die Kraft der Geschichte. Sie zeigt, dass es auch in der nationalsozialistischen Diktatur Handlungsspielräume gab und dass Menschen Entscheidungen trafen, obwohl diese Entscheidungen riskant sein konnten. Es gab Anpassung, Schweigen und Wegsehen. Aber es gab auch Menschen, die sich der Logik des Systems nicht unterwarfen und Verfolgten Schutz boten.
Nach dem Besuch an der Wöste führte die Spur am Nachmittag weiter nach Versmold. Dort traf Taylor Elisabeth Fockenbrock, die Frau, die sich nach der Veröffentlichung des Fotos im „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“ gemeldet hatte. Ihr Satz am Telefon hatte der jahrelangen Suche plötzlich eine menschliche Stimme gegeben. In Versmold wurde aus der historischen Spur eine persönliche Begegnung.
Bei der Kartoffelernte hinterhergekrabbelt
Elisabeth Fockenbrock erinnerte sich tatsächlich noch an Ursula Kuppenheim. „Das ist meine Ulla“, sagte sie lebhaft über ihr früheres Kindermädchen, dem sie als kleines Kind bei der Kartoffelernte immer hinterhergekrabbelt sei.
Wieder wurden Fotos betrachtet, Erinnerungen geteilt und Fragen gestellt. Für Taylor war dieses Treffen ein besonderer Moment, weil er nicht nur einem Namen aus der Recherche begegnete, sondern einem Menschen, der als Kind an der Seite seiner Mutter auf jenem Foto festgehalten worden war.
Die Geschichte soll nun weitergetragen werden. Die Dokumente aus dem Nachlass von Ursula Kuppenheim hat Taylor dem Vancouver Holocaust Education Centre übergeben. Dort sollen sie dauerhaft bewahrt, wissenschaftlich erschlossen und für Bildungsarbeit zugänglich gemacht werden. Auch eine Ausstellung ist perspektivisch denkbar. Neben dem Podcast arbeitet Taylor an einem Buch über die Geschichte seiner Familie. Der Arbeitstitel lautet „Exile Diaries“.
Weg führte ins Exil
Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die Erfahrung des Exils: zunächst das Exil im eigenen Land, in dem Ursula Kuppenheim als evangelisch getauftes Mädchen mit jüdischen Vorfahren im nationalsozialistischen Deutschland ausgegrenzt, bedroht und zum Verstecken gezwungen wurde. Ihr Vater Felix Kuppenheim floh bereits 1940 nach Ecuador, wo er 1941 ankam, während Ursula zunächst weiterhin ohne ihn in Deutschland leben musste. Später führte auch ihr eigener Weg ins Exil, unter anderem nach Ecuador und Kanada.
Als Taylor an diesem Tag auf Menschen traf, deren Familie seiner Mutter Schutz gewährt hatte, schloss sich ein Kreis, ohne dass die Geschichte damit abgeschlossen wäre. Aus einzelnen Dokumenten war eine Erzählung geworden, aus einem rätselhaften Bild eine Verbindung zwischen Familien und Generationen. Am 30. Juni kam es für Timothy Taylors nach jahrelanger Suche in der Wöste in Telgte zu einem der bewegendsten Höhepunkte. Oder, wie es an diesem Tag formuliert wurde: „Erinnerung braucht Zukunft – und Zukunft braucht Erinnerung.“
Westfälische Nachrichten, Ausgabe Telgte, 11.7.2026 – Moritz Erd
Leah Stone besuchte vor wenigen Tagen gemeinsam mit ihrem Ehemann Eric und mit ihren beiden Töchtern Hannah und Ella-Leni Telgte, um Spuren ihrer Vorfahren aus der bekannten jüdischen Familie Auerbach zu erkunden. Der Weg führte sie zu zentralen Orten jüdischen Lebens und Leidens in Telgte. Der Tag berührte die Familie sichtlich: Die Geschichte der jüdischen Menschen in Telgte ist nicht vergessen.
Leah Stone ist eine Enkeltochter von Ilse Auerbach, die 1938 gemeinsam mit ihrer Schwester Margot in die USA emigrieren konnte. Die Eltern von Ilse und Margot, Hermann und Johanna Auerbach, bemühten sich ebenfalls um eine Ausreise – vergeblich. Sie teilten das Schicksal von Millionen Juden: Die Eltern wurden deportiert und im Warschauer Ghetto ermordet.
Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins „Erinnerung und Mahnung“, führte die Gäste. Dabei waren außerdem Lioba Niederhoff, Volontärin im Religio, sowie Amelie Böwing und Ben Karthaus aus der elften Klasse des Maria-Sibylla-Merians-Gymnasiums. Der Rundgang begann auf dem jüdischen Friedhof am Hagen. Auf dem Friedhof verharrten die Familienmitglieder lange zwischen den Grabsteinen von Leni und Moritz Auerbach. Leni, eine Schwester von Ilse und Margot, war bereits 1932 in Telgte verstorben. „Es hat mich erschüttert und zutiefst berührt, an ihren Gräbern zu stehen“, wird Leah Stone später sagen.
Leah Stone hat ihre Großmutter Ilse Auerbach als herzliche, offene und liebevolle Frau erlebt: „Ihre Wärme prägt die Familie bis heute. Wir haben versucht, unseren Töchtern Ilses Werte und Ansichten weiterzugeben.“ Die Namen ihrer Töchter sprechen für sich: Hannahs Name erinnert an Ilses Mutter Johanna Auerbach. Den Namen Ella-Leni haben die Eltern in Gedenken an Ilses Schwester Leni gewählt. „Über das Leben in Deutschland hat meine Großmutter fast gar nicht gesprochen“, erinnert sich Leah Stone nachdenklich. Viele Überlebende wollten ihren Kindern den Schmerz und die Last der Vergangenheit ersparen. Die Monstrosität der Verbrechen konnten viele ein Leben lang nicht in Worte fassen.
Eine bewegende Station war die Alte Synagoge an der Emsstraße. Barbara Elkeles schilderte die Geschichte der kleinen Hinterhof-Synagoge, die mit dem Neubau einer größeren 1875 fast völlig in Vergessenheit geraten war und erst 2023 wieder instandgesetzt werden konnte.
Leah Stones Vater, der Sohn von Ilse Auerbach, wurde per Videoanruf zugeschaltet. Über den Bildschirm konnte auch er den Raum besuchen, in dem seine Vorfahren einst gelebt und gebetet hatten – ein Moment, der die Familie über Ozeane und Jahrzehnte hinweg verbindet.
Im Museum Religio sprach Lioba Niederhoff online mit Leahs Vater über die Erinnerungen an seine Mutter Ilse. Es wurde ein langes Gespräch über die Familiengeschichte, über das Schweigen früherer Generationen und über die Kraft bewusster Erinnerung.
Dann führte der Weg zum ehemaligen Haus der Familie Jakob Auerbach an der Bahnhofstraße. Die Stolpersteine vor dem Gebäude erinnern an die früheren Bewohner, die aus ihrem Alltag gerissen wurden. Besonders nahe kam die Familiengeschichte allen noch einmal, als sie auf die Stolpersteine von Hermann und Johanna Auerbach blickten.
Am Mahnmal an der Königsstraße traf die Gruppe den 95-jährigen Ludwig Rüter, einen pensionierten Lehrer, der sich mit seinen Telgter Schülern sehr intensiv mit der jüdischen Geschichte der Stadt auseinandergesetzt hat. Er gehört zu den Entdeckern der Alten Synagoge.
Im Zuge seiner Forschungen stellte er vor über 30 Jahren den Kontakt zu Ilse Auerbach in den USA her. Dieser Kontakt führte 1989 zu einem Besuch Ilse Auerbachs mit ihrer Familie in Telgte. Damals schon dabei war ihre Enkelin, die damals 13-jährige Leah Stone.
„Den Besuch damals habe ich nie vergessen“, sagte Leah Stone. Die erneute Begegnung mit Ludwig Rüter bewegte sie sehr. „Dieser Besuch verbindet Kulturen, Generationen und Kontinente“, resümierte Barbara Elkeles.
Zum Mittagessen traf Bürgermeisterin Katja Behrendt die Besucher. „Wir bleiben verantwortlich für die Aufarbeitung der Geschichte. Wir müssen Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft schlagen“, sagte die Bürgermeisterin und dankte der Familie Stone für den Mut und für die Bereitschaft, diese Reise anzutreten.
Trotz aller Bedrücktheit gab es immer wieder auch fröhliche Momente. Hannah und Ella-Leni fanden rasch gemeinsame Themen mit Amelie und Ben, vor allem bei den Trinkpausen an diesem heißen Tag. Die Fußball-WM und die Chancen ihrer Nationen interessierten sie alle.
Barbara Elkeles blickte später auf den Tag zurück: „Der Besuch von Leah Stone und ihrer Familie macht die Relevanz von Erinnerungskultur in der Gegenwart deutlich. In einer Zeit, in der Antisemitismus und Ausgrenzung wieder zunehmen, erinnert er daran, dass Toleranz und Demokratie nicht selbstverständlich sind. Sie erfordern stetige Auseinandersetzung, offene Begegnungen und aktives Handeln. Telgte hat gezeigt, dass es sich dieser Verantwortung bewusst stellt – durch historisches Bewusstsein und den festen Willen, Geschichte lebendig zu halten und nicht zu vergessen.“ Ben Karthaus und Amelie Böwing sind sich einig: „Wir haben Geschichte erlebt, wie es im Geschichtsunterricht gar nicht möglich ist.“
Orte: Bochum und Orten mit Landsynagogen in Westfalen
14.00: Lesung: Gabriele Brüning, Münster und Dr. Manfred Keller, Bochum „Das Glück liegt auf der Hand“ Im Mittelpunkt dieser Lesung stehen Texte der deutsch-amerikanischen Schriftstellerin Elizabeth Petuchowski, die jüdische Weisheit und Humor auf eindrucksvolle Weise verbindet. Die Schauspielerin Gabriele Brüning (Münster) trägt ausgewählte Texte vor, ergänzt durch eine Einführung von Dr. Manfred Keller (Bochum). Ort: Museum Religio, Herrenstraße 1–2, 48291 Telgte
15.00 – 16.00:Führungen durch die Alte Synagoge Telgte (Dr. Barbara Elkeles und Vorstand „Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte e. V.«) Treffpunkt: Emsstraße 4.
17.00: Konzert „Ma towu – wie schön sind deine Zelte – Synagogale Musik aus drei Jahrhunderten“ mit dem Collegium vocale Dortmund (Leitung: Michael Hönes) und dem Chor der Evangelischen Kirchengemeinde Bochum-Linden (Leitung: Andrea Kampmann), Moderation Dr. Manfred Keller, Bochum Ort: Kath. Propstei- und Pfarrkirche St. Clemens, Kardinal-von-Galen-Platz, 48291 Telgte
Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei, um eine Spende zur Deckung der Kosten wird gebeten.
Jüdisches Leben in der Region nach 1945: Wege der Rückkehr und des Neubeginns
Am Montag, den 26. Januar 2026, folgten zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger aus Telgte, Münster und der Umgebung der Einladung des Vereins Erinnerung und Mahnung Telg-te, der Stadt Telgte, des St. Rochus-Hospitals, der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, des RELíGIO sowie des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums zu einer bewegenden Veranstaltung in der Aula des Schulzentrums. Gemeinsam gedachten die Gäste der Opfer des Nationalsozialismus und richteten den Blick besonders auf die Lebenswege jüdischer Rückkehrer aus dem Kreis Warendorf nach 1945 – ein deutliches Signal für eine lebendige Erinnerungskultur und gegen das Vergessen.
Den musikalischen Auftakt gestaltete das Quartett Saxibylla, das mit einfühlsamen Klängen den Rahmen für die Veranstaltung schuf. In ihrer Begrüßung betonte Schulleiterin Mechthild Rövekamp-Zurhove die Bedeutung der Erinnerungskultur: „Es darf niemals Schluss sein mit der Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit. Nur wenn wir uns erinnern, bleiben wir Menschen und menschlich.“ Auch Bürgermeisterin Katja Behrendt unterstrich in ihrem Grußwort die Aktualität des Gedenkens: „Gedenken ist immer gegenwartsbezogen. Es stellt Fragen an uns heute: Wo sehen wir Ausgrenzung? Wo werden Menschen auch heute herabgewürdigt? Wo schweigen wir, obwohl Widerspruch eigentlich nötig wäre? Gerade deshalb ist das Gedenken keine rückwärtsgewandte Pflicht, sondern eine aktive demokratische Praxis.“
Einen besonderen Beitrag leisteten Nicole und Moritz, eine Schülerin und ein Schüler aus dem Geschichtsleistungskurs des Gymnasiums. Sie interpretierten zwei Karikaturen: Die erste, „How the Beasts Begin“ von David Low aus dem Jahr 1943, zeigt, wie alltägliche Vorurteile und das Wegschauen der Mehrheit den Nährboden für das Grauen des Holocaust bereiteten. Die zweite Karikatur, gezeichnet von Marco De Angelis im Jahr 2017, thematisiert die fortdauernde Gefahr des Vergessens und der Leugnung. Die tätowierte Nummer auf dem Arm eines KZ-Häftlings entpuppt sich als Datum – 27.01.2017 – und verweist darauf, dass die Verantwortung für das Erinnern bis in die Gegenwart reicht. „Erinnerungskultur ist eben kein passives Gedenken, sondern ein aktiver Schutz für die Gegenwart. Ein Schutz vor den Worten, die bei Low den Anfang markieren und bei De Angelis die Wunden des Nationalsozialismus offen halten“, fassten die beiden ihre Gedanken zusammen.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag von Dr. Knut Langewand, Leiter des Kreisarchivs Warendorf. Unter dem Titel „Neuanfang. Jüdische Rückkehr und Ansiedlung nach 1945“ schilderte er eindrücklich die Herausforderungen, denen jüdische Überlebende nach ihrer Rückkehr in die Region begegneten. Dr. Langewand machte deutlich, dass der Begriff „Neuanfang“ für die meisten Überlebenden eine Illusion blieb: „Neuanfang – allein das Wort ist schon problematisch in diesem Zusammenhang, denn für keinen derjenigen Jüdinnen und Juden, die 1945 oder danach zurückkamen, gab es eine Stunde Null.“ Viele kehrten in zerstöte oder enteignete Häuser zurück, mussten materielle Not und Unsicherheit bewältigen und lebten oft Tür an Tür mit ehemaligen Tätern oder Mitläufern. Anhand bewegender Einzel-schicksale, wie der Familien Riebak aus Ahlen und Mundinger aus Telgte sowie des in Warendorf beheimateten späteren Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, wurde deutlich, wie schwierig und oft schmerzhaft der Weg zurück in ein normales Leben war. Dr. Langewand betonte, dass die Rückkehrer sowohl mit den Folgen der Verfolgung und dem Verlust ihrer Angehörigen zu kämpfen hatten, als auch mit einer Gesellschaft, die sich erst langsam ihrer Verantwortung stellte.
Pfarrer Sacha Sommershoff von der Evangelischen Kirchengemeinde Telgte sprach den Dank aller Kooperationspartner aus und würdigte das Engagement der Beteiligten: „Mein besonderer Dank gilt vor allem dem Verein Erinnerung und Mahnung, der uns immer wieder zusammenruft und dafür sorgt, dass das Gedenken in Telgte lebendig bleibt.“ Im Anschluss an die Veranstaltung nutzten viele Gäste die Gelegenheit, bei Getränken und jüdischen Spezialitäten aus der Bäckerei St. Nikolaus miteinander ins Gespräch zu kommen und die Eindrücke des Abends gemeinsam zu reflektieren.
Dr. Barbara Elkeles, Vorstandsvorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, blickte am Ende der Veranstaltung auf die Bedeutung des gemeinsamen Erinnerns: „Gerade in einer Zeit, in der antisemitische und menschenfeindliche Tendenzen wieder spürbar werden, ist es wichtiger denn je, die Geschichte wachzuhalten und daraus Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen. Die Vielfalt der Beiträge und die große Resonanz zeigen, dass das Gedenken in Telgte lebendig ist und Menschen verbindet. Unser Ziel bleibt, den Dialog zu fördern und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus als Mahnung für eine offene und solidarische Gesellschaft zu bewahren.“
Die Veranstaltung war Teil einer Kooperation zahlreicher Institutionen und wird am Donnerstag, den 29. Januar 2026, um 18:00 Uhr im „RELíGIO – Westfälisches Museum für religiöse Kultur“ fortgesetzt. In Zusammenarbeit mit der VHS Warendorf wird dort der Film „Unter Bauern – Retter in der Nacht“ gezeigt. Das Drama aus dem Jahr 2009 mit Veronika Ferres und Armin Rohde in den Hauptrollen basiert auf den Erinnerungen der Jüdin Marga Spiegel und erzählt die bewegende Geschichte einer jüdischen Familie, die während der NS-Zeit durch mutige Bauern im Münsterland gerettet wurde.
Bild: Westfälische NachrichtenBild: Bartnick, St. Rochus-Hospital
Mit langer Tradition lädt der Verein „Spuren finden e. V.“ jedes Jahr im Dezember in die Villa ten Hompel ein, um Opfern des Nationalsozialismus aus dem Münsterland zu gedenken. Die diesjährige – sehr gut besuchte – Veranstaltung am 11. Dezember war schwerpunktmäßig Opfergruppen aus der Arbeiterbewegung in und um Münster gewidmet.
Friedhelm Redlich stellte seine umfangreichen Forschungen zu diesem Thema vor. Weitere Kurzvorträge betrafen einzelne sehr erschütternde Schicksale aus Hamm und Münster. Sie wurden in sehr bewegenden Beiträgen großenteils durch direkte Nachfahren der Opfer vorgetragen.
Dr. Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins Erinnerung Mahnung Telgte, erinnerte an eine andere, bisher wenig beachtete Opfergruppe: die sogenannten Mischehefamilien. Sie konnten zwar in der Regel im Inland überleben, waren jedoch zahlreichen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt und litten auch nach 1945 an den Folgen der schweren wirtschaftlichen und beruflichen Benachteiligungen und an körperlichen und seelischen Traumata. Für Telgte führte sie vier Beispiele an: Die Familie von Max Auerbach (ein Bruder von Hermann Auerbach) und Laura Fernholz mit ihren fünf Kindern, die aus Münster zugezogenen Familien Mundinger und Richter, die in den Bauernschaften Schwienhorst und Raestrup wohnten, sowie die 14jährige Ursula Kuppenheim, deren Versteck auf einem Telgter Bauernhof im vergangenen Jahr mithilfe des Landwirtschaftlichen Wochenblattes gefunden werden konnte.
Das Auditorium dankte für diesen Beitrag, der eine Forschungslücke schließt, mit nachdenklichem Beifall.
Feierstunde zur Übergabe an die Öffentlichkeit am 6. Juli 2025
In einer gut besuchten Feierstunde konnten am 6. Juli 2025 drei Informationstafeln vor der Alten Synagoge Telgte der Öffentlichkeit übergeben werden. Sie erläutern und illustrieren die wechselhafte Geschichte des Gebäudes und informieren über 400 Jahre jüdisches Leben in unserer Stadt. Der Verein Erinnerung und Mahnung konnte dieses Projekt durch eine Spende der Sparkasse Münsterland Ost sowie eine große Spendenbereitschaft der Vereinsmitglieder und der Bevölkerung realisieren, für die an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt sei.
Efraim Yehoud-Desel, Rabbiner und Kantor, und seine Tochter Elinoah umrahmten die Feierstunde mit synagogalen Gesängen. Gebannt tauchten die Zuhörer während ihres Vortrages in die Atmosphäre des Raumes ein, der fast 200 Jahre lang Ort der gemeinsamen Gebete und Gottesdienste der jüdischen Gemeinschaft war.
Bürgermeister Wolfgang Pieper erinnerte in einem bewegenden Grußwort daran, wie wichtig es ist, die Erinnerungskultur lebendig zu halten, und die Synagoge als Denkanstoß und Mahnmal zu nutzen. Dr. Barbara Elkeles als Vorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung stellte die Geschichte dieses bedeutsamen Gebäudes dar und berichtete über das jahrhundertelange Zusammenleben der jüdischen Bevölkerung mit der Stadtgesellschaft, dessen Modalitäten immer wieder neu ausgehandelt werden mussten. Sie erläuterte an Beispiele, wie Konflikte gelöst und Kompromisse erarbeitet wurden und wie sich Ende des 19. Jahrhunderts Stadtverwaltung und Teile der Bevölkerung öffentlich mit der jüdischen Gemeinschaft solidarisierten und von antisemitischen Tendenzen distanzierten.
Auch heute ist es wichtig, Zeichen für Demokratie, Mitmenschlichkeit, bürgerschaftliches Engagement und Völkerverständigung zu setzen. Dazu sollen die Tafeln beitragen, indem sie in zentraler Lage mitten in Telgte auf die Synagoge und das jüdische Leben bis hin zu seinem gewaltsamen Ende in der NS-Zeit hinweisen.
Am Sonntag, 6. Juli 2025 um 15.00 werden in einer kleinen Feierstunde drei Informationsstelen vor der Alten Synagoge in Telgte (Emsstraße 4) der Öffentlichkeit übergeben. Der Verein Erinnerung und Mahnung Telgte konnte dieses Projekt durch eine Spende der Sparkassenstiftung in Höhe von 3000 € sowie durch eine überwältigende Spendenbereitschaft der Vereinsmitglieder und der Bevölkerung realisieren. Die Tafeln machen die Geschichte dieses einzigartigen Gebäudes sichtbar und nachvollziehbar und erinnern an die jüdische Bevölkerung Telgtes, die eng mit der ehemaligen Synagoge verbunden ist. Gerade jetzt, wo menschenverachtende und demokratiefeindliche Ideologien lauter werden, antisemitische Strömungen an Kraft gewinnen und der Friede zunehmend bedroht ist, ist es besonders wichtig, das jahrhundertlange Zusammenleben der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung in unserer Stadt sichtbar zu machen und mahnend an die Auslöschung jüdischen Lebens durch die nationalsozialistische Verfolgung zu erinnern. Rabbiner Efraim Yehoud Desel wird die Feier mit synagogalen Gesängen umrahmen, um in würdevoller und besonders eindrücklicher Weise an die Bedeutung dieses Gebäudes zu erinnern und die Teilnehmer in die jüdische Religion und Kultur einzuführen. Für Sitzgelegenheiten wird gesorgt. Eine halbe Stunde vor Beginn sowie im Anschluss an die Veranstaltung wird eine Führung durch die Synagoge angeboten.
Rahel Winkels und ihre Kinder Manuel (9 Jahre) und Letizia (7 Jahre) waren gerade dabei, die Stolpersteine für Siegfried und Henriette Mildenberg und ihren Pflegesohn Karl-Heinz Steinhardt zu putzen, die vor der ehemaligen Synagoge (Königstraße 43) verlegt sind. Dabei trafen sie zufällig mit Barbara Elkeles, der Vorsitzenden des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte, zusammen. Die Familie übernimmt die Pflege der Stolpersteine einmal jährlich aus eigener Motivation. Sie möchte damit einen Beitrag zum Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft leisten. In diesem Jahr hatte Rahel Winkels bewusst den 8. Mai dafür ausgewählt, um mit ihren Kindern an das Kriegsende zu erinnern.
Vielleicht findet diese großartige private Initiative ja Nachfolger!
von Anja Kreysing Wir freuen uns sehr, dass uns für das Projekt „Jüdisches Leben in Telgte. Gestaltung von Erinnerung am Maria-Sibylla-Merian Gymnasium“ von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Münster der Dr. Julius Voos-Preis 2024 verliehen wurde. Die Preisverleihung fand am 10.03.2025 in einem Festakt zur Eröffnung der „Woche der Brüderlichkeit“ im Festsaal des historischen Rathauses Münster statt. Neben uns wurde auch das Mariengymnasium Münster für das Theaterstück „Briefe nach Ewigheim“ über die grauenvolle „T4-Aktion“ des Nationalsozialistischen Regimes ausgezeichnet. Sieben Schülerinnen zeigten im Festsaal beeindruckende Ausschnitte ihres bewegenden Theaterprojektes. Das Maria-Sibylla-Merian-Gymnasium Telgte präsentierte ausgewählte künstlerische Arbeiten aus dem online-Projekt, Eindrücke der Schülerinnen und Schüler von der Reise nach Buchenwald sowie berührende Lyrik der mit nur 18 Jahren in Lagerhaft umgekommenen Lyrikerin Selma Merbaum. Das Projekt „Jüdisches Leben in Telgte. Gestaltung von Erinnerung am Maria-Sibylla-Merian Gymnasium“ entwickelt sich ausgehend von der Restauration der alten Synagoge immer weiter zu einer schulischen Plattform für eine neue, interdisziplinäre und zeitgemäße Erinnerungskultur. Die Beschäftigung mit dem jüdischen Leben in Telgte im Rahmen dieses Projektes ist eine künstlerische wie wissenschaftlich-propädeutische, subjektive und emphatische Auseinandersetzung mit dem in Nazi-Deutschland so brutal ausgelöschten jüdischen Leben am eigenen Wohnort.
Wanderausstellung imSt. Rochus-Hospital Telgte Am 12. März 2025 wurde die Wanderausstellung „Finding Ivy. Ein lebenswertes Leben“ des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim (AT) feierlich im St. Rochus-Hospital Telgte eröffnet. Bis zum 09. April 2025 luden die Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik gemeinsam mit dem Verein Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. alle interessierten Bürgerinnen und Bürger ein, die Ausstellung im Foyer vor der Krankenhauskirche zu besuchen und sich mit dem Schicksal von in Großbritannien geborenen Menschen auseinanderzusetzen, die während der nationalsozialistischen „Aktion T4“ ermordet wurden. Auf beunruhigende Darstellungen wird in der Ausstellung bewusst verzichtet. Vielmehr werden die individuellen Lebensgeschichten der zu Opfern gemachten Menschen beleuchtet – unter anderem auch die von Gladys Strauss, einer jungen jüdischen Frau, die mehr als zwei Jahre lang wegen einer Schizophrenie im St. Rochus-Hospital behandelt wurde.
v. l. Wolfgang Pieper (Bürgermeister), Prof. Dr. Mathias Rothermund (Ärztlicher Direktor SRT), Dr. Barbara Elkeles (Verein Erinnerung und Mahnung), Peter van Elst (Seelsorger SRT, Matthias Schulte (Pflegedirektor SRT), Daniel Frese (Geschäftsführer SRT)
Eröffnung mit geladenen Gästen Zur Eröffnungsveranstaltung in der Kirche des St. Rochus-Hospitals kamen neben Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten sowie Nachbarinnen und Nachbarn der Klinik auch geladene Gäste aus Politik, Kirche und Gesundheitswesen. Unter ihnen befand sich auch Bürgermeister Wolfgang Pieper.
Der Ärztliche Direktor des St. Rochus-Hospitals, Prof. Dr. Matthias Rothermundt, verband in seiner Begrüßung den medizinischen Auftrag des Hauses mit der historischen Verantwortung: Er erinnerte daran, dass ein Krankenhaus „nicht nur ein Ort des Heilens – sondern auch ein Ort der Verantwortung“ sei und betonte die Wichtigkeit, „an das Leid zu erinnern, das an Menschen wie Gladys Strauss verübt wurde.“ „Nur so“, fügte er hinzu, „lernen wir wirklich aus der Vergangenheit und bleiben wachsam im Umgang mit den verletzlichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft.“
Blick in die Ausstellung, links die Tafel für Gladys Strauss
Das Ensemble Saxibylla (Maria Sibylla Merian Gymnasium) bei der Eröffnungsfeier
Historische Forschung als Brücke zur Gegenwart Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand der Vortrag von Dr. Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. und Teil des internationalen Forschungsteams, das die Ausstellung entwickelte. Sie schilderte, wie „interdisziplinäre Detektivarbeit“ nötig war, um die Schicksale der dreizehn britischen Opfer der „Aktion T4“ zu rekonstruieren. Archivmaterial aus drei Ländern sowie persönliche Zeugnisse von Angehörigen haben es ermöglicht, jenen Menschen ihre Geschichte zurückzugeben. „Ihre Schicksale zeigen“, so Dr. Barbara Elkeles weiter, „wie schnell Ausgrenzung und Diskriminierung das Leben eines Menschen systematisch verändern und schließlich zerstören kann.“
Besondere emotionale Resonanz rief die von ihr recherchierte und für die Ausstellung aufbereitete Lebensgeschichte von Gladys Strauss hervor, die seit Mai 1938 im St. Rochus-Hospital behandelt wurde und im September 1940 auf Anordnung der NS-Behörden deportiert und am 29. September 1940 in einer Tötungsanstalt ermordet wurde.
Eine Ausstellung mit aktueller Bedeutung Anschließend lenkte Peter van Elst, Seelsorger des St. Rochus-Hospitals, den Blick auf die Verantwortung der Gegenwart. Die gezeigten Schicksale seien ein Spiegel, vor dem man sich fragen müsse, „wie wir heute mit Menschen umgehen, die als schwach oder nicht leistungsfähig gelten.“ Anschließend lud er die Gäste ein, sich die Ausstellung im Foyer vor der Kirche anzusehen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Den feierlichen Rahmen der Eröffnung vervollständigte die musikalische Begleitung durch das Saxophon-Quartett „Saxibylla“ vom Jugendblasorchester des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums Telgte.
Daniel Freese, Geschäftsführer des St. Rochus-Hospitals, hob im Anschluss an die feierliche Eröffnung hervor, dass dieser Ausstellungsort bewusst gewählt sei: Ein Krankenhaus sei „sowohl ein Ort der Medizin als auch ein Ort der Menschlichkeit.“ Deshalb werde die Vergangenheit hier aktiv aufgearbeitet, „damit sich jeder Mensch in seiner Würde geschützt weiß“ – gerade in einer Einrichtung, die sich psychisch erkrankten Menschen widmet.
Besucher der Eröffnungsfeier, im Hintergrund die Ausstellung
Besuch der Ausstellung Sowohl die Verantwortlichen des St. Rochus-Hospitals als auch die Kooperationspartner des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. freuen sich über die positive Resonanz auf die Ausstellung. Neben zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern, die die Gelegenheit nutzen, die Ausstellung in Eigenregie zu besichtigen, war auch das Interesse seitens weiterführender Schulen und Berufskollegs groß. Im gesamten Ausstellungszeitraum setzten sich allein im Rahmen von Führungen weit mehr als 100 junge Menschen mit den dargestellten Biografien auseinander – darunter ein Englischleistungskurs des Maria-Sibylla-Merian-Gymnasiums, Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Telgte sowie mehrere Klassen angehender Heilerziehungspflegerinnen und ‑pfleger des St. Vincenz-Berufskollegs Ahlen.
„Gerade jungen Leuten die Geschichten dieser zu Opfer gemachten Menschen nahe zu bringen ist uns ein besonderes Anliegen“, erläutert Frau Dr. Barbara Elkeles, Vorsitzende des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte e.V. „Wir möchten, dass Erinnern zu einem aktiven Gestalten der Gegenwart und Zukunft beiträgt.“
Auch vonseiten des Krankenhauses ist die Resonanz positiv. „Es ist uns eine Herzensangelegenheit, als Klinik diesen wichtigen Beitrag zur Erinnerungsarbeit zu leisten und Raum für eine fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte zu schaffen“, betont Daniel Freese, Geschäftsführer des St. Rochus-Hospitals. „Wir freuen uns auf zahlreiche weitere Besucherinnen und Besucher.“
Infokasten: Das Schicksal von Gladys Strauss Gladys Rosie Iris Marx, geboren 1910 in London, wuchs nach der frühen Scheidung ihrer Eltern in Berlin auf. Dort heiratete sie mit nur 22 Jahren den deutlich älteren Kaufmann Fritz Strauss. Die Repressalien des NS-Regimes trafen das Ehepaar schon 1933. 1935 erkrankte Gladys an Schizophrenie. Ihre Erkrankung verschlimmerte sich so, dass sie in mehreren Anstalten behandelt wurde – zuletzt seit Mai 1938 im St. Rochus-Hospital in Telgte. Schließlich musste sie auf Anordnung des Reichsinnenministeriums im September 1940 nach Wunstorf verlegt werden. Von dort wurde sie einige Tage später in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel deportiert. Am 29. September 1940 wurde sie dort mit Kohlenmonoxid ermordet, kurz vor ihrem 30. Geburtstag.
Ihr Schicksal verdeutlicht, wie eng die Verbrechen der NS-Zeit mit Orten verbunden sind, die heute als Heilungs- und Schutzräume gelten. „Finding Ivy. Ein lebenswertes Leben“ erinnert an Gladys Strauss und weitere Opfer, deren Leben im Zeichen einer menschenverachtenden Ideologie für „unwert“ erklärt wurde – und regt dazu an, Verantwortung für die Schwächsten in unserer Gesellschaft zu übernehmen.