Sonntag, 29.10.2023 ab 14:00 Uhr
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Neue Synagoge in der Königstraße
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genügte das alte Gebäude den Ansprüchen der Gemeinde nicht mehr. Es war zu klein, zunehmend baufällig und nur schwer zugänglich. Jakob Auerbach als Synagogenvorsteher schlug in einem Brief an die Gemeindemitglieder im Jahre 1866 vor, „zur Ehre Gottes und zum Wohle der Gemeinde eine neue Synagoge zu bauen, für nachkommende Generationen Zeugnis ablegend, dass Brudersinn und tätige Bruderliebe eine Wahrheit in Israel sind.“ Finanziert wurde der Neubau durch einen Fonds aus dem Verkauf des alten Schulhauses und der alten Synagoge aber auch durch einen Spendenaufruf bei den Juden der Provinz Westfalen.

Blick auf den Turm der Synagoge (Stadtarchiv Telgte)


Es handelte sich um einen Backsteinbau mit einem rechteckigen Grundriss mit ca. 73 m² Grundfläche. Mit seiner durch Säulen, Rundfenster und Gesimsbänder geschmückten Giebelfront und einem von einem Davidstern bekrönten Türmchen wirkte der Bau funktional schlicht aber durchaus repräsentativ. Auf maurische Stilelemente hatte man dagegen, wie bei den meisten Landsynagogen des späten 19. Jahrhunderts, verzichtet. Der Betsaal war weiß gekalkt, Buntglasfenster und ein Kristallleuchter verliehen dem Raum einen festlichen Charakter. Der Türsturz trug die hebräische Inschrift: „Mein Haus ist ein Bethaus für alle Völker.“ Das Gebäude beherbergte außerdem die jüdische Schule und eine Lehrerwohnung.
Die neue Synagoge wurde am 5. September 1875 feierlich ihrer Bestimmung übergeben. Für die religiöse Zeremonie hatte man einen der bekanntesten Prediger des Reformjudentums, Salomon Blumenau aus Bielefeld, gewonnen. An den Feierlichkeiten nahmen trotz Widerstands seitens der Geistlichen der Landrat, der Bürgermeister und der Magistrat sowie die Stadtverordneten und zahlreiche Bürger teil.
Das Gebäude wurde während der Novemberprogrome komplett zerstört und gebrandschatzt. Überliefert sind nur die Grundrisszeichnungen sowie einige Abbildungen, auf denen das Türmchen mit dem Davidstern erkennbar ist.

Alte Synagoge in Telgte
Etwas versteckt zwischen zwei Grundstücken steht in Telgte inmitten der Historischen Altstadt mit der Alten Synagoge ein einzigartiges kulturgeschichtliches Zeugnis, eine von ganz wenigen noch erhaltenen ehemaligen Hof-Synagogen Westfalens.

Innerstädtisches Wirtschaftsgebäude
Unmittelbar nach dem Stadtbrand von 1499 entstand in einem von Marktplatz, Ems- und Steinstraße gesäumten Baublock auf einer Grundfläche von etwa 24 m² ein zweigeschossiger Speicher mit hoch aufragendem Satteldach. Das kleine Fachwerkgebäude zählt zu einem Gebäudetypus, der heute in historischen Stadtkernen Westfalens kaum noch zu finden ist.

Vom Speicher zur Snagoge
Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nutzten die in Telgte ansässigen jüdischen Familien den kleinen Speicher, der heute als Alte Synagoge bezeichnet wird, für den Gottesdienst. Für die Umnutzung des Gebäudes sprachen zum einen die Eigentumsverhältnisse, denn ringsum befanden sich mehrere Häuser in jüdischem Besitz, zum anderen auch die versteckte Lage, da der Gottesdienst nach den Bestimmungen der fürstbischöflichen Judenordnung von 1662 nur im Verborgenen stattfinden durfte.
Die notwendigen baulichen Veränderungen nahm man mit einfachsten Mitteln vor: Das Gebäude wurde in der bestehenden Konstruktionsform um etwa drei Meter verlängert und verfügte nun über eine Grundfläche von ca. 38 m²; die Zwischendecke wurde entfernt, der neu geschaffene Gebetsraum erhielt ein flaches hölzernes Tonnengewölbe und eine Frauenempore mit separatem Eingang. Der Thoraschrein fand in einer nach außen gestülpten Nische Platz, das Lesepult (Bima) im Zentrum des durch vier große Fenster belichteten und mit einer einheitlichen Farbfassung versehen Raumes. Heute ist dieser in seinen wesentlichen Bestandteilen überlieferte Bau die älteste im Inneren noch räumlich erfahrbare Synagoge Westfalens.

Vom Schlachthaus zum Abstellraum
Der kleine Bau diente bis zur Eröffnung der neuen, nun öffentlich sichtbaren Synagoge an der Königstraße im Jahr 1875 als Gebets- und Versammlungsraum. Der ehemalige Speicher blieb in jüdischem Besitz und wurde fortan als koscheres Schlachthaus genutzt.
Der Bau wurde während der Novemberprogrome 1938 nicht zerstört.
Ende November 1939 musste der letzte jüdische Besitzer Jakob Auerbach seinen gesamten Grund- und Hausbesitz aufgeben.
Das Gebäude wurde fortan als Abstellraum genutzt und verfiel zunehmend. Das schadhafte Satteldach war 1965 gegen ein einfaches Pultdach ersetzt und eine neue Zwischendecke eingebaut worden.

Wiederentdeckung, Konservierung und Restaurierung
Als sich Anfang der 1980er-Jahre Schüler der örtlichen Realschule mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung Telgtes zwischen 1933 und 1945 befassten, rückte auch die Alte Synagoge ins Blickfeld der Öffentlichkeit und das Gebäude wurde 1992 in die städtische Denkmalliste aufgenommen.
Es sollten jedoch noch drei Jahrzehnte vergehen, bis mit der Instandsetzung des mittlerweile in vielen Bereichen gefährdeten Baus begonnen wurde. Mit Unterstützung
des Bundes, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, des Kreises Warendorf, der Stadt Telgte und des LWL hat die heutige Eigentümerin in den Jahren 2022 und 2023 behutsame Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten durchführen lassen. Hierbei wurden die verschiedenen Bauphasen respektiert, sodass die Veränderungsgeschichte vom Speicher bis zum Abstellraum ablesbar bleibt. Gleichwohl konnte die Zeitschicht „Synagoge“ anschaulicher gemacht werden.
Der Text entstammt (mit geringfügigen Änderungen) einer Vorlage von Dr. Christian Steinmeier.
Zum 100. Geburtstag von Alfred Auerbach
Eine digitale Ausstellung zu seinem Leben
Alfred Auerbach war einer der wenigen Telgter Juden, die die NS-Zeit überlebten. Anlässlich seines 100. Geburtstages hat das Stadtarchiv Telgte eine digitale Ausstellung erstellt, in der Stationen seines Lebensweges dargestellt werden:
Das Leben seiner Familie in Telgte, die Verfolgung in der NS-Zeit, die Emigration nach Palästina, sein Leben in Israel und schließlich seine Besuche in Telgte, wo er als Zeitzeuge berichtete.
Zur Ausstellung:
Wanderausstellung Jüdisches Leben in Münster und im Münsterland: „Spurensuche_n im Gestern und Heute“
05.03.–28.03.2023 | Foyer Rathaus Telgte, Baßfeld 4–6, 48291 Telgte
Mo–Mi 8:00–12:00 + 14:00–16:00Uhr, Fr 8:00–12:00 Uhr
Vernissage: Sonntag 05.03. 11:30–12:30 Uhr, die Ausstellung ist bis 14:30 Uhr geöffnet
Die Arbeitsstelle Forschungstransfer (AFO) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) zeigt in Kooperation mit dem Verein Erinnerung und Mahnung – Verein zur Förderung des Andenkens an die Juden in Telgte e.V. und der Stadt Telgte die Ergebnisse eines bürgerwissenschaftlichen Projektes.

Im Rahmen der Expedition Münsterland ist aus dem Projekt „Spurensuche_n: Jüdisches Leben im Münsterland“ eine Wanderausstellung auf historischen Türblättern entstanden. Gemischte Teams aus Wissenschaftlerinnen, Bürgerinnen und Studierenden haben zu selbst gewählten Orten der Region gemeinsam Inhalte aufgearbeitet und dargestellt. Gleichzeitig entstand in zweijähriger Zusammenarbeit des FilmLAB der WWU und der Jüdischen Gemeinde Münster ein Dokumentarfilm „Jüdisch leben heute. Aus dem Gemeindeleben in Münster“, der in sieben Episoden aus dem Alltag der Gemeinde erzählt. Die Gegenüberstellung der Spuren ehemaligen jüdischen Landlebens und der gegenwärtigen, lebendigen, aber auch weitgehend nicht bekannten Lebenswelt der jüdischen Gemeinde in Münster macht den Reiz der Ausstellung aus. Nachdem die Wanderausstellung in verschiedenen Orten des Münsterlandes unterwegs war, macht sie nun einen letzten Halt in Telgte im Kreis Warendorf.
Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus
Einladung zu der diesjährigen zentralen Gedenkveranstaltung aus Anlass des nationalen und internationalen Opfergedenktages.
Termin: Mittwoch, 1. 2. 2023 um 17:00 Uhr
Ort: Pfarrkirche St. Clemens
Die Feier wird gemeinsam vom Verein „Erinnerung und Mahnung Telgte“, dem St. Rochus-Hospital Telgte und der Pfarrgemeinde St. Marien Telgte in Zusammenarbeit mit der Stadt Telgte veranstaltet.
Gedacht werden soll aller Menschen, die in Telgte während der NS-Zeit Opfer von Diskriminierung und Verfolgung wurden – als Juden, Sinti, geistig Behinderte, psychisch Kranke, religiös oder politisch Verfolgte.
Die Veranstaltung wird ca. 45 Minuten dauern. Wir weisen darauf hin, dass die Kirche nur moderat geheizt sein wird.

Vortrag zum internationalen Gedenktag
Der Verein weist auf eine Vortragsveranstaltung am nationalen und internationalen Opfergedenktag (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945) hin. Veranstaltet wird er vom Museum RELíGIO Telgte
Termin: Freitag, 27. Januar 2023, 18 Uhr
Ort: Vortragsraum des Museums RELíGIO Telgte
PD Dr. Barbara Elkeles
Jüdische Biographien aus Telgte
Im 19. und 20. Jahrhundert
Besuch in der Heimat der Vorfahren – Nachfahren der Familie Lefmann in Telgte
Im Rahmen ihrer Forschungen über jüdische Familien in Telgte stand Frau Dr. Elkeles seit einiger Zeit in Kontakt mit Nachfahren der Familie Lefmann, die von ca. 1785 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Telgte ansässig war. Der berühmteste Spross dieser Familie war Salomon Lefmann (geboren am 25. Dezember 1831 in Telgte), der es zu einer erstaunlichen wissenschaftlichen Karriere als Indologe brachte. Von 1870 bis zu seinem Tod im Jahr 1912 war er Professor für Sanskrit an der Universität Heidelberg. Dies ist umso bemerkenswerter, als seine Herkunftsfamilie sehr arm war. Nach Salomon Lefmann ist seit 2012 in Telgte eine Straße benannt.
Am 09. Dezember 2023 besuchte Caitlin Hollander, eine Nachfahrin von Salomon Lefmanns Schwester Bertha, auf Einladung des Vereins Erinnerung und Mahnung gemeinsam mit ihrem Ehemann, Michael Waas, die Heimatstadt ihrer Vorfahren. Beide sind professionelle Genealogen und haben u.a. Anthropologie und Jüdische Geschichte studiert. Sie leben in New York. Im Dezember befanden sie sich auf einer Europareise.
Zunächst fuhren sie mit Barbara Elkeles nach Warendorf, wo die mit der Telgter Familie verwandte Familie Levi Lefmann lebte. Diese Familie war im Gegensatz zu der Familie Lefmann in Telgte sehr wohlhabend. Sie besaß ein stattliches Haus direkt am Marktplatz.
In Telgte zeigten sich die Besucher von den erhaltenen Spuren jüdischen Lebens sehr beeindruckt: dem jüdischen Friedhof, der alten Synagoge, der Gedenk-Stele am Platz der neuen Synagoge in der Königstraße. Auch das ehemalige Wohnhaus der Familie in der Straße Lappenbrink konnte von außen besichtigt werden. Und natürlich durfte ein Besuch der Lefmann-Straße in Telgte nicht fehlen. Insgesamt gewannen die Besucher einen lebendigen Eindruck vom Leben ihrer Vorfahren und fanden die Erinnerungsarbeit des Vereins Erinnerung und Mahnung Telgte sehr bewegend. Barbara Elkeles


Vortrag: Erinnerungsarbeit als Friedensdienst. Ein Jahr im Jewish Museum London – ein Erfahrungsbericht
Mittwoch 09.11.2022, 19:00 Uhr
Referentin: Lotta Aldenborg
Vortragsraum des Museum Religio, Herrenstraße 1–2, 48291 Telgte
Der Verein „Erinnerung und Mahnung Telgte“ lädt anläßlich des 84. Gedenktages der reichsweiten Novemberpogrome zu einer Veranstaltung ein.
Ein Jahr lang leistete die Referentin nach dem Abitur Freiwilligendienst bei der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.“ Dabei wurde sie u.a. von unserem Verein unterstützt. Einsatzort war das Jüdische Museum in London. Sie hat dort u.a. orksWhops für Schulklassen verschiedenen Alters abgehalten, bei denen Überlebende der Kindertransporte über ihre Erlebnisse berichteten. Andere Workshops befassten sich anhand der Geschichte von Holocaust-Überlebenden mit dem Umgang mit Verlust und Trauer. Weitere Projekte dienten dazu, die Vielfalt des Judentums abzubilden. Dazu gehörte z.B. der Besuch jüdischer Wohnviertel, die Arbeit mit orthodoxen Schulklassen und die Erforschung der Bedeutung von Museumsobjekten gemeinsam mit den Bewohnern jüdischer Altenheime. Die Betreuung von Kinder- und Familientagen mit Bastelaktionen erweiterten das Spektrum ebenso wie das gemeinsame Backen des traditionellen, der „Challah“, des jüdischen Zopfbrotes.
Restaurierung des Grabsteins von Hanns Josef Geisel
Hanns Josef Geisel (geb. 8. Februar 1904, Bocholt, gest. 8. September 1940, Amelsbüren) stammte aus einer jüdischen Familie, die zunächst in Bocholt eine mechanische Weberei betrieb. Später besaß der Vater ein Hutgeschäft in Dortmund. Hanns Geisel war bei uneingeschränkter geistiger Leistungsfähigkeit körperlich schwerst behindert. Zwischen dem 6. Juli 1937 und dem 6. September 1939 wurde er im St. Rochus-Hospital in Telgte betreut. Zu diesem Zeitpunkt war sein Vater bereits verstorben und seine Mutter bereitete ihre Emigration nach London vor. Ein Bruder der Mutter übernahm die Pflegschaft und kümmerte sich liebevoll um den Neffen.
Als Teile des St. Rochus-Hospitals in ein Lazarett der Wehrmacht umgewandelt wurden, musste Hanns Geisel in das von den Alexianerbrüdern geführte Haus Kannen in Amelsbüren umziehen. Im September 1940 sollte er auf Befehl des Reichsinnenministeriums des Inneren gemeinsam mit fünf anderen jüdischen Patienten aus dem St. Rochus-Hospital und aus Haus Kannen im Rahmen der Aktion T4 über Zwischenstationen in eine Tötungsanstalt verlegt werden, wo die Patienten in den Gaskammern qualvoll ermordet wurden. Hanns Geisel entging diesem Schicksal nur, weil er wenige Tage vor dem Transport an einer Lungenentzündung eines natürlichen Todes starb.


Er wurde auf dem Jüdischen Teil des Hauptfriedhofs Dortmund am Rennweg begraben. Sein Grab ist bis heute erhalten (D 002 b 43), befand sich allerdings in einem schlechten Zustand. Im Herbst 2022 wurde auf Veranlassung des Vereins Erinnerung und Mahnung das Grab hergerichtet und der Grabstein restauriert, um auch Hanns Josef Geisel ein würdevolles Gedächtnis zu bewahren.

